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Ridley Scott\s „Robin Hood“ im Kino

Bei Robin Hood denken wir gewöhnlich an einen eher eingeschränkten Aktionsradius. Fast jedes Kind weiß, dass der Rächer der Entrechteten im Sherwood Forest tätig war. Seine treuen Freunde und er stellten sich feisten Geistlichen in den Weg, nahmen Geldeintreiber aus, und ließen zwischendurch den einen oder anderen Tropfen die raue Kehle hinunterlaufen. Zu seinen Freunden zählte der treue Little John, der gutmütige Bruder Tuck und der scharlachrot gekleidete Will. Und dann waren da natürlich noch die schöne Maid Marian und der edle König Richard Löwenherz. Es verhält sich mit diesem frühen „sozialen Banditen“ (Eric Hobsbawm) wie mit so vielen legendären Figuren: Nichts Genaues weiß man nicht, deswegen wird die Geschichte immer wieder neu erzählt.
In Ridley Scotts aktueller Version spielt Russell Crowe die Hauptrolle, wodurch sofort klar wird, dass es hier in eine andere Richtung geht als bei den „Männern in Strumpfhosen“ – so wurden Robin Hood und seine Gefolgsleute gelegentlich verspottet. Der neue „Robin Hood“ beruht auf einem Drehbuch von Brian Helgeland (zuletzt „Green Zone“), es ist eine der ausführlichsten Versionen dieser Erzählung, und sie geht paradoxerweise in zwei Richtungen zugleich: Sie ist archaischer und moderner, sie korrigiert und ergänzt an vielen Stellen die Legende und schafft damit eine Überlegende.
Dieser Robin Longstride (so sein richtiger Name) ist ein Bogenschütze und Kompanieführer in der Kreuzzugsarmee des englischen Königs Richard Löwenherz. 1199 ist dieser Kampfverband schon fast wieder nach England zurückgekehrt. Französische Kräfte planen eine Invasion Englands, der Tod von Richard Löwenherz in einer Schlacht kommt diesem Plan sehr entgegen, denn von nun an regiert in London der hartherzige John, der das Land auspresst.
Unter falschem Namen setzt Robin Hood nach England über, in seinem Gepäck befindet sich das Schwert eines gefallenen Edelmanns, dessen Frau er schließlich auf ihren Ländereien aufsucht. Marian Loxley (Cate Blanchett) ist hier nicht einfach ein hübsches Edelfräulein, sie ist Agrarökonomin, Landschaftsarchitektin, Sozialreformerin. Sie pflügt eigenhändig das Land, und lässt reiche Ernte wachsen – die der Unrechtskönig John dann einkassiert. Auf Marians Gut wird aus Robin Longstride allmählich der Robin Hood, den wir zu kennen glaubten.
Aber das ist nur ein Teil der komplexen Geschichte, die Brian Helgeland sich ausgedacht hat, und für die Ridley Scott sich nicht von ungefähr interessiert hat: Denn dieser Robin Hood ist zu einem guten Stück fast noch König Arthur, und dabei auch schon ein Verfechter der modernen Gewaltenteilung. Die ganze englische Geschichte des 12. und 13. Jahrhunderts, von der Normanneninvasion bis zur Magna Charta, gerät hier in den Einflussbereich eines einzigen, charismatischen Mannes, der damit zum historischen und mythologischen Superhelden und zur heimlichen Verkörperung des Königtums wird.
Was auf der inhaltlichen Ebene gilt (eine auf das große Format zielende Vermengung von Geschichte und Geschichten), gilt ebenso auf der ästhetischen: „Robin Hood“ ist so etwas wie ein Katalog aller Ridley-Scott-Filme, von „Gladiator“ bis zu dem Kreuzfahrerepos „Kingdom of Heaven“. Parallel hat Scott für das Fernsehen einen Dokumentarfilm „The Real Robin Hood“ gedreht, in dem er die faktischen Grundlagen für die hypertrophe Erzählkonstruktion des Kinofilms gelegt hat. Als Spielfilm, als Blockbuster, als politisches Spektakel aber erscheint dieser „Robin Hood“ an vielen Stellen vor allem grotesk.
Denn 800 Jahre Fortschritt (von der Demokratie bis zur biologischen Landwirtschaft) sind dann doch ein wenig viel, um sie in einem einzigen Mann grundzulegen. Zumal, wenn der von Russell Crowe gespielt wird. Dieser Star passt eher in den Sherwood Forest, und um den herum macht Ridley Scotts Film einen großen, ziemlich locker gespannten Bogen.

Text: Bert Rebhandl

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Robin Hood“ im Kino in Berlin

Robin Hood, USA 2010; Regie:Ridley Scott; Darsteller: Russell Crowe (Robin Hood), Cate Blanchett (Marion Loxley), Max von Sydow (Sir Walter Loxley); Fabre, 140 Minuten

Kinostart: 13. Mai

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