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Ritesh Batra über seinen Film „Lunchbox“

R_Batra_c-HS002Herr Batra, das System der Essenszustellung quer durch die Millionenstadt Mumbai, das wir in „Lunchbox“ sehen, wurde sogar von amerikanischen Eliteuniversitäten studiert, wie jemand stolz erwähnt. Wie kamen Sie dazu, darauf eine Geschichte aufzubauen?
2007 kam ich nach Mumbai zurück, um über „Dabbawala“, wie man dieses Zustellsystem dort nennt, einen Dokumentarfilm zu machen. Ich beobachtete dabei über längere Zeit eine Gruppe, die aus den Vororten nach Süd-Mumbai fuhr, Tag für Tag. Dabei erfuhr ich viele kleine Geschichten, und irgendwann gab ich die Idee auf, das dokumentarisch anzugehen, und entschied mich für einen Spielfilm.

Von wo kamen Sie nach Indien zurück?
Ich habe an der New York University Film studiert und in den letzten Jahren auch viele Kurzfilme gemacht, irgendwann brach ich allerdings die Ausbildung ab. Als ich wieder in Indien war, fühlte ich mich einfach sehr stark hingezogen zu diesem Gewebe aus Personen und Geschichten.

In „Lunchbox“ gibt es zwei Welten: die des alternden Witwers Saajan, und die der einsamen Hausfrau Ila. Saajan arbeitet in einem großen, altertümlichen Büro. Gibt es solche Aktenfabriken wirklich noch?
Indien ist ein Ort, an dem verschiedene Zeiten gleichzeitig existieren. Dieses Büro ohne Computer ist Realität. Es gehört zu der Indischen Eisenbahn, hier werden die Fälle bearbeitet, wenn jemand etwas verliert oder eine Beschwerde hat. Die Schauspieler mussten richtiggehend wieder lernen, wie man mit diesen Dingen umgeht: Papier, Stempel, Ordner. In dem Film geht es ja auch darum, wie jemand in der Zeit steckengeblieben ist.

Ila steht für eine andere traditionelle Welt: das indische Essen.
Ich habe den Film mit viel Nostalgie geschrieben, denn ich war 14 Jahre weg von Indien, und da wurde mir bewusst, wie sehr ich bestimmte Dinge vermisse, zum Beispiel Stimmungen, die von alten Fernsehsendungen ausgehen. Und dann natürlich die indischen Gerichte. Unsere Leben sind sehr eng mit Essen verknüpft, die Bedeutung ist kaum zu überschätzen, ich würde sogar sagen, Essen ist wichtiger als Religion.

An „Lunchbox“ sind, wie das heute bei Arthouse-Filmen üblich ist, Produzenten aus mehreren Ländern beteiligt, auch aus Deutschland. Handelt es sich hier um eine neue Art des globalen Kinos?
Ich habe an so vielen Orten dieser Welt gelebt, umso wichtiger war es mir, dass der Film zu einem Publikum in aller Welt spricht, also möglichst universal ist. Wir haben in Berlin das Sounddesign gemacht, das können die Leute hier so unglaublich gut, und in ähnlicher Weise haben wir die Kompetenzen verschiedener Leute in verschiedenen Ländern genutzt. Der Film ist also zugleich global und lokal.

Wie hat sich Mumbai verändert in den Jahren Ihrer Abwesenheit?
Die Stadt ist explodiert, alles ist sehr chaotisch geworden. Ich erinnere mich an eine sehr ruhige Kindheit im Norden der Stadt, heute ist dieses Viertel ganz zentral, daran sieht man, wie sehr die Stadt gewachsen ist. Wenn man zu Fuß unterwegs ist, kommt man kaum voran. Ich könnte jetzt nicht sagen, dass sich Mumbai zum Besseren oder Schlechteren entwickelt hat, aber die Veränderungen sind enorm. Die sozialen Unterschiede sind nun viel deutlicher zu sehen, früher hätten die Leute ihren Reichtum nicht gezeigt, jetzt gilt es als kulturell akzeptabel. Indien ist aber auch ein sehr großzügiges Land, und es gibt viel glückliches Leben. Dass jemand wie Shaikh in meinem Film in die Angestelltenklasse aufsteigt, das wäre früher eigentlich undenkbar gewesen. Jetzt ist das möglich.

Könnten Sie sich vorstellen, einmal ein richtiges Bollywood-Musical zu machen?
Ich liebe diese opulenten Liebesgeschichten, aber ich glaube, mir fehlt dazu das Talent und auch die Überzeugung, so meine Geschichten erzählen zu können.

Interview: Bert Rebhandl

Foto: Harry Schnitger

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