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„The Road“ im Kino

The Road

Ein Vater und sein Sohn, ein Revolver mit zwei Schuss Munition, ein rostiger Einkaufswagen mit so gut wie nichts drin außer ­einer Plastikplane, eine Straße nach Nirgendwo. Die Welt ist zu Asche und Staub zerfallen, der Himmel ist grau und wird grauer, die Luft ist kalt und wird kälter. Kein Tier hat überlebt, und alle Pflanzen sind längst verschwunden. Die Erinnerung an eine Zeit, in der sie ein Zuhause hatten – sie ist blass und wird mit jedem Tag blasser.
In seiner Verfilmung des preisgekrönten Bestsellers von Cormac McCarthy begleitet John Hillcoat seine beiden Hauptfiguren auf eine Reise durch die Finsternis, bei der es um nichts anderes geht als das um das nackte Überleben – und um den Versuch, sich noch in der aussichtslosesten Situation einen letzten Rest Menschlichkeit zu bewahren.
Der australische Filmemacher ist ein ausgewiesener Spezialist für nahezu unerträgliche Endzeitszenarien. Schon in seinem Debüt „Ghosts of The Civil Dead“ nahm er den Insassen eines Hochsicherheitsgefängnisses nach und nach jeden Handlungsspielraum und jede noch so kleine Freiheit. In seinem Australo-Western „The Proposition“ schickte er einen Geächteten in die Glut und die Leere des australischen Outbacks, wo er seinen älteren Bruder töten soll, um seinen jüngeren Bruder vor dem Galgen zu retten. Auch in „The Road“ setzt er seine Protagonisten den krassesten Strapazen aus. Der Vater will nach Süden, angetrieben von der Sorge um seinen kleinen Jungen und von der vagen Idee, dass dort irgendwas auf sie warten könnte, was besser ist als der Tod. Der Hunger ist ihr ständiger Begleiter, die Kälte und die Erschöpfung machen sie krank, und mehrfach müssen sie vor finsteren Kannibalenbanden fliehen. Die einfachsten Dinge nehmen sie daher an wie Geschenke des Himmels: einen Regenbogen, der sich unter einem eisigen Wasserfall bildet. Eine letzte Cola­dose, die sie aus einem verbeulten Getränkeautomaten ­holen. Im Kerzenschein liest der Vater dem Sohn aus einem Bilderbuch vor. Die Tiere, die darin abgebildet sind, wird der Sohn niemals in natura zu Gesicht bekommen, denn es gibt sie nicht mehr. Aber das ist zweitrangig, wichtiger ist, dass er die Fackel der Menschlichkeit weiterträgt, wohin auch immer.
Auch wenn der Verfilmung die metaphysische Tiefe der Vorlage fehlt, gelingt es Hillcoat, ihre alttestamentarische Wucht in Pa­noramen der Verheerung zu übersetzen. Zerstörte Autobahnbrücken, verwüstete Vorstädte, versengte Wälder – Relikte einer untergegangenen Zivilisation. Diese Bilder prägen sich ein, und sie scheinen angesichts drohender Umweltkatastrophen auch gar nicht so weit weg zu sein.
Irgendwann erreichen die bei­den die Küste und blicken auf das Grau der Wellen, das naht­los in das Grau des Himmels übergeht.
„Was ist auf der anderen Seite?“, fragt der Sohn.
„Nichts“, sagt der Vater.
„Aber da muss doch ir­gend­was sein.“
„Vielleicht ein Vater mit seinem kleinen Jungen. Und sie sitzen am Strand, so wie wir.“

Text: Heiko Zwirner

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „The Road“ im Kino in Berlin

The Road, USA 2009; Regie: John Hillcoat; Darsteller: Viggo Mortensen (Vater), Kodi Smit-McPhee (Sohn), Charlize Theron (Frau); 111 Minuten

Kinostart: 7. Oktober

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