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Robert Redfords Polit-Thriller „The Company You Keep“

The_Company_You_KeepDer verwitwete Bürgerrechts-Anwalt Jim Grant (Robert Redford) hat mitnichten verdrängt, wer er einst gewesen ist, aber, zugunsten der Zukunft seiner Tochter, mit der Vergangenheit abgeschlossen. Das Leben wird – so der dänische Philosoph Sören Kierkegaard – zwar in der Rückschau begriffen, kann aber nur vorwärts gelebt werden. Und eben weil Grant weiß, welchen Sprengstoff seine Vergangenheit birgt, hat er sich vor Jahren eine neue Identität verschafft, nicht zuletzt um seiner Tochter aus der Legalität heraus ein ordentlicher (alleinerziehender) Vater sein zu können. Denn der seriöse Anwalt Jim Grant war früher der militante Aktivist Nick Sloan und gehörte der „Weather Underground Organisation“ an, jener aus der Anti-Kriegs-Bewegung hervorgegangenen linksextremen Gruppierung in den USA, die sich, ähnlich wie ihre europäischen Pendants von RAF bis Brigate Rosse, seit den frühen 70er-Jahren dem bewaffneten Kampf gegen das „imperialistische Schweinesystem“ verschrieben hatte.

Im Zuge der Festnahme seiner alten Mitstreiterin Sharon Solarz (Susan Sarandon), die genau wie Sloan seit über dreißig Jahren auf den Fahndungslisten des FBI einen der oberen Ränge belegt, wird der Anwalt von dem ehrgeizigen Jung-Journalisten Ben Shepard (Shia LaBeouf) demaskiert. Das „Bureau“ bläst zur Treibjagd auf den wegen Mordes angeklagten einstigen „Weatherman“, und lediglich Shepard ahnt, dass es diesem auf seiner Flucht darum geht, die eigene Vita von falschen Vorwürfen (denen des Polizistenmordes bei einem Bankraub, an dem er niemals teilgenommen hat) reinzuwaschen.   
Robert Redford hat bei „The Company You Keep – Die Akte Grant“ die Doppelrolle als Hauptdarsteller und Regisseur übernommen; das Drehbuch von Lem Dobbs ist eine Adaption des gleichnamigen Romans von Neil Gordon aus dem Jahr 2003. Die rein fiktive Handlung dieses Polit-Thrillers wird dabei im realen historisch-politischen Kontext platziert. Zwar „thrillt“ das alles nur wenig, dafür aber begegnet der Film den biografischen Entwicklungen, den Kontinuitäten und Brüchen im Leben seiner Figuren mit ehrlichem Interesse.

Auf seiner Flucht quer durch die USA sucht Nick Sloan verschiedene ehemalige Mitstreiter auf, die ihm helfen sollen, Kontakt zu seiner früheren Lebensgefährtin Mimi Lurie herzustellen, der einzigen Person, die in der Lage ist, ihn zu entlasten. Und diese Begegnungen mit den vormaligen Weathermen illustrieren die unterschiedlichen Verläufe, die ein Leben nehmen kann – vom konsequenten Beibehalten der radikalen Oppositionshaltung vergangener Tage bis zur guten Situierung innerhalb des ehedem befehdeten Systems. Die von Julie Christie gespielte Mimi Lurie zum Beispiel fühlt sich den Idealen kommunistischer Stadtguerilla noch immer verpflichtet und ist außer von der Unbedingtheit des Zwecks auch von der Legitimität der harten Mittel überzeugt.
Nick Nolte hat einen kurzen, wuchtigen Auftritt als altaktivistischer Haudegen Donal, dessen Widerstand sich heute im Wesentlichen auf das Tragen eines Liberty-or-Death-T-Shirts beschränkt. Der von Richard Jenkins gespielte Jed Lewis wiederum ist inzwischen Hochschulprofessor für politische Theorie, fügt sich aber – trotz intellektuellen Abstands, Angst und existentieller Vorbehalte – dem Gebot der Solidarität.

Die interessanteste Szene des Films aber ist die, in der die inhaftierte Sharon Solarz von Ben Shepard interviewt wird. Auch Solarz glaubt noch immer an den alten Kampf, obwohl sie einräumt, Fehler gemacht zu haben; ihr Charisma umflort den jungen Shepard, dessen egozentrischer Panzer in diesem Moment aufgebrochen scheint. Hier begegnen einander zwei Generationen – nicht nur von Schauspielern, sondern auch von gesellschaftlichen Akteuren: die Idealistin und der Karrierist, der sich trotz des unbedingten Fokus aufs eigene Biografie-Design eigentlich nach einer Richtung und nach wahrer Überzeugung sehnt. „The Company You Keep“ hat ein paar Längen, aber gerade das zurückgenommene Tempo begründet neben den von tollen Schauspielern gespielten Nebenfiguren die Stärke dieses Kinostücks.

Text: Christoph David Piorkowski

Foto: Concorde Filmverleih GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: The Company You Keep“ im Kino in Berlin

The Company You Keep USA 2012; Regie: Robert Redford; Darsteller: Robert Redford (Jim Grant), Shia LaBeouf (Ben Shepard), Julie Christie (Mimi Lurie); 125 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 25. Juli

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