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Roman Polanskis zwei-Personen-Stück „Venus im Pelz“

Venus_im_Pelz_01_c_2013PROKINOFilmverleihGmbHÜber fünfzig Jahre ist der mittlerweile 80-jährige Roman Polanski nun schon im Filmgeschäft, und auf den ersten Blick wirkt sein umfangreiches Werk zwar enorm abwechslungsreich, aber auch eher disparat: Psychostudien, Genreparodien und Horrorfilme gehören dazu, ebenso wie Literatur- und Theaterverfilmungen, die ihrerseits die gesamte Bandbreite zwischen Shakespeare und Boulevard vermessen. Ein eigener Stil im Sinn der klassischen Autorentheorie war bei Polanski hingegen nie so leicht zu entdecken, das Trennende fiel in seinen Filmen stets deutlicher ins Auge als das Verbindende. Natürlich gab es immer wieder diesen sarkastischen Humor, den Sinn fürs Absurde in albtraumhaften, kafkaesken Situationen. Doch allzu Persönliches hat Polanski meist sehr clever verklausuliert und es damit auch der Gefahr der spekulativen Deutung preisgegeben.

Doch je älter Polanski wird, umso deutlicher tritt das wohl zentrale Thema seines Schaffens hervor: das Spannungsfeld von Macht und Erotik. Das wird in seinem jüngsten Werk „Venus im Pelz“, der Verfilmung einer Zwei-Personen-Bühnenkomödie von David Ives, vielleicht umso augenfälliger, als nicht allein das Stück genau davon handelt, sondern der Film seinerseits in vielen kleinen Details auf Polanskis frühere Filme verweist. Einfach wird dadurch allerdings noch gar nichts in dieser Theater-im-Theater-im Film-Geschichte um das Duell des Regisseurs Thomas Novacek (Mathieu Amalric), der seine Bearbeitung von Leopold von Sacher-Masochs 1870 erschienener Novelle „Venus im Pelz“ (auf die der Begriff Masochismus letztlich zurückgeht) auf die Bühne bringen will, mit der zu einem Casting erschienenen Schauspielerin Vanda (Emanuelle Seigner), die ihn in die erotischen Abgründe seiner eigenen uneingestandenen Fantasien lockt.

Selbst wenn Mathieu Amalric hier nicht nur allein dank seiner Frisur eine verblüffende Polanski-Ähnlichkeit erzielt, verwahrt er sich als Regisseur Thomas doch auch gleich einmal gegen die Unsitte der Überinterpretationen – und dabei sollte man es wohl besser belassen.  
In ihrem Berufsstatus haben Novacek und Polanski zumindest nur wenig miteinander zu tun: Als Regisseur ist der Autor Thomas nämlich ein Anfänger, der dabei ebenso prätentiös und selbstgefällig wie im Grunde unsicher und amateurhaft auftritt. Umso leichteres Spiel hat Vanda mit ihm, die zunächst dumm und vulgär wirkende Schauspielerin mit Hundehalsband und schwarzer Vamp-Korsage, die sich bei den ersten Proben jedoch perfekt in die distinguierte Vanda der Sacher-Masoch-Bearbeitung verwandelt – und sich schließlich auch als die titelgebende Göttin mit einer feministischen Racheagenda erweist. Dabei treibt sie Thomas zusehends vor sich her, und während im Stück Vanda und (der von Thomas gespielte) Severin von Kusiemski die Freuden und Fallen von Dominanz und Sklavendasein erforschen, ändern sich auch die Machtverhältnisse zwischen Regisseur und Aktrice ständig auf subtile Weise. Und wer dabei in welcher Rolle oder Eigenschaft gerade welche Dialoge spricht, wird immer unklarer.

Venus_im_Pelz_04_c_2013PROKINOFilmverleihGmbHIn eher ernsten Filmen wie „Das Messer im Wasser“ (mit drei Personen auf einem Segelboot) und dem von Beckett inspirierten, absurden „Wenn Katelbach kommt …“ (der wie Godot nie erscheint) hat Polanski derartige Machtverschiebungen bereits durchdekliniert, doch in „Venus im Pelz“ sorgt die Doppelbödigkeit der verschiedenen Rollenspiele auch für eine hochamüsante Komik, die sich sogar bis in die Dekorationen hinein fortsetzt: Auf der Bühne, auf der Thomas und Vanda proben, steht noch die Kulisse der vorherigen Produktion, der angeblichen Musical-Adaption eines John-Ford-Westerns, in der ein mächtiger Kaktus dominiert. Den hat Vanda einerseits wohl zu Recht sogleich als Phallussymbol erkannt, andererseits aber weist er auch deutliche Anklänge an eine antike Säule auf (Venus!) und übernimmt schließlich noch die Funktion eines Marterpfahls respektive Prangers. Dass das Spiel um Geschlechterrollen und Rollenspiele bei allem Amüsement nicht einfach nur ein Witz ist, macht „Venus im Pelz“ mit einem absurd-bitteren Finale dann aber doch auch noch klar: Mit Göttinnen ist letztlich eben nicht zu spaßen.

Text: Lars Penning

Foto: 2013 PROKINO Filmverleih GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Venus im Pelz“ im Kino in Berlin

La vйnus а la fourrure Frankreich 2013; Regie: Roman Polanski; Darsteller: Emmanuelle Seigner (Vanda), Mathieu Amalric (Thomas); 96 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 21. November

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