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Romuald Karmakar im Gespräch

Villalobostip Herr Karmakar, „Villalobos“ ist nach „196 bpm“ und „Between the Devil and the Wide Blue Sea“ Ihr dritter Film über die Clubkultur.  Interessiert Sie daran das Verhältnis von Einzelnem und Masse?
Romuald Karmakar Jeder Musikfilm hat natürlich mit diesem Thema zu tun. Bei einem Konzertfilm der Rolling Stones hat man es auch mit einem Massenphänomen zu tun. Elektronische Musik ist bei uns in der bürgerlichen Rezeption immer noch wahnsinnig negativ besetzt. Wohingegen die Rolling Stones niemals einem Faschismusverdacht ausgesetzt werden. Oder Madonna. Oder Michael Jackson. Dabei bewegen und manipulieren die ja eindeutig mehr Leute über mehr Jahre hinweg als fast jeder mir bekannte elektronische Musiker. Bei der Premiere beim Festival von Venedig fiel mir auf,  dass Filme, die sich mit Musik beschäftigen, meistens über die Expertise analysiert werden, nicht übers Filmische. Man sagt: Ich kenne mich aus mit Villalobos, also weiß ich, ob der Film gut oder schlecht ist. Wie der Film erzählt und aufgebaut ist, wird immer wieder übersehen. Oder man lehnt den Film ab, weil man die Musik nicht mag. Wenn man aber die Musik mag, spielt der Film keine Rolle mehr (lacht).

tip So gesehen können Sie nur verlieren.
Karmakar Absolut. Und so ist es ja auch.

tip „Villalobos“ ist jetzt einmalig auf dem Fes­tival Around the World in 14 Films zu sehen, das herausragenden Filmen, die keinen deutschen Verleih haben, eine Plattform bietet. Nun fällt es schwer, sich vorzustellen, dass Sie Probleme haben, einen Verleih zu finden.
Karmakar
Es ist aber so. Es gibt bisher keinen einzigen deutschen Verleih, der sich vor, in oder nach Venedig gemeldet hat und gesagt hat, er möchte den Film überhaupt mal sehen. Es haben sich bis jetzt nur ausländische Verleiher gemeldet, die meisten davon aus Frankreich. Und das bestätigt einmal mehr, dass die Leute, die in Deutschland Filme verleihen, immer noch nicht kapiert haben, dass elektronische Musik in jeder Form zu den positiven Dingen gehört, die aus unserer Kultur entstanden sind und weltweit rezipiert werden, neben Fotografie und bildender Kunst. Da stehen die Leute in Argentinien drauf, in Spanien und Italien, Aus­tralien.

Villalobostip Beim Besuch in Villalobos’ Studio fragen Sie einmal danach, was hinter der Wand seines Modularsystems sei, durch das er seine Tonquellen leitet. Es ist eine metaphorische Frage, die man auch auf Ihren Film beziehen könnte. Was ist hinter der Wand des Films?
Karmakar Ich finde das eigentlich sehr schön, weil es um genau die Frage geht: Wie weit geht man – mit dem Kopf, mit der Musik, mit allem? Wie weit kann man es treiben? Und wo gibt es überhaupt ein Ende? Einerseits ist es beruhigend, dass es irgendwo doch noch mal eine Wand gibt, über die man nicht kann – und zugleich gibt es die Fan­tasie, die darüber hinaus will, in dieses „Far Beyond Driven“, wie die Band Pantera …

tip … nach der Sie Ihre Firma benannt haben.
Karmakar … sagen würde. Was geht da noch weiter hinaus? Insofern gibt es bei „Villalobos“ viele Dinge, die mich in meinen anderen Filmen auch interessieren, wie der Umgang mit Zeit in unserer Gesellschaft. Villalobos beschreibt auch, dass wir uns in der Wahrnehmung der Welt immer mehr auf Strukturen reduzieren, die einem Popsong gleichen, also zwei bis drei Minuten. So lange sind auch die längsten Beiträge in den „Tagesthemen“. Mehr Zeit gibt es nicht, um einen Konflikt in Ruanda, ein Massaker in Amerika zu verstehen. Villalobos – aber natürlich auch viele andere Musiker in dem Bereich – bespielt innerhalb unserer Gesellschaft Orte, an denen diese Zeitstruktur aufgelöst wird. Da ist er extrem, in seinen Stücken kannst du dich als Zuhörer des Clubs verlieren, mit oder ohne Drogen, und ein völlig anderes Zeitgefühl bekommen in unserer Gesellschaft. Ich glaube,  das ist es, was mich so interessiert. Dazu passt auch, dass das Berghain, in dem wir auch gedreht haben, ein Ort ist, von dem es keine Bilder geben darf. Du musst dein Handy abgeben, darfst nichts fotografieren. Auch damit es keine Bilder der Momente gibt, in denen die Zeit neu definiert wird.

Interview: Robert Weixlbaumer

Villalobos ist am Do 3.12., 21.15 Uhr im Rahmen von Around the World in 14 Films im Babylon Mitte zu sehen. Es wird auf unabsehbare Zeit die einzige Gelegenheit bleiben, Karmakars Film im Kino zu erleben.

Als Teil der Alexander-Kluge-DVD-Box „Früchte des Vertrauens“ ist gerade in der Filmedition Suhrkamp Karmakars sehr erhellender Kurzfilm „Ein Mann unseres Vertrauens: Ralf Otterpohl, Wasserspezialist“ erschienen.

Lesen Sie hier: Alle Informationen zum Around the World in 14 Films“-Festival 

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Ricardo Villalobos 

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