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Rosa von Praunheim im Interview

Rosa von Praunheim

tip Was halten Sie von den Thesen seines Buches „Deutschland schafft sich ab“?
Rosa von Praunheim Den Ansatz fand ich interessant, aber meine Kritik ist, dass er nicht konstruktiv antwortet. Man kann bei Themen wie Verelendung in bestimmten Stadtteilen nur helfen, indem man das Schulsystem reformiert, und indem man diejenigen auf der Straße irgendwie dazu bringt, etwas zu lernen. Die Zahl der migrantischen Jugendlichen ohne Schulabschluss ist in Neukölln erschreckend hoch. Es entsteht viel Aggression, wenn du keine Chance in der Gesellschaft hast.

tip Selbst solchen kontroversen Menschen treten Sie mit großer Offenheit gegenüber. Ist das nicht auch anstrengend?
Rosa von Praunheim Das ist einfach Menschenliebe. Ich finde es nicht anstrengend. Ich denke, Menschen zu mögen, sich für sie zu interessieren, das sollte man eigentlich voraussetzen bei Leuten, die mit Menschen arbeiten: ob als Arzt, Journalist oder als Filmemacher, der mit Schauspielern arbeitet.

tip Worauf gründet Ihre Menschenliebe?
Rosa von Praunheim Auf Neugierde. Ich bin neugierig auf andere. Das ist typenmäßig sicher ganz verschieden. Der eine ist introvertierter, interessiert sich weniger für andere, der andere ist narzisstischer oder will einfach in Ruhe gelassen werden. Was mich angeht, interessieren mich eigentlich alle Menschen. Ich finde, alle haben eine Qualität, und ich könnte über jeden einen Film machen.

tip Jedes Leben ist ein Film?
Rosa von Praunheim Klar!

tip Als Covermotiv für „Rosas Welt“ zeigen Sie sich im rosa Festkleid mit Hut und Schleier. Eine Maßanfertigung zum besonderen Anlass?
Rosa von Praunheim Das ist aus einem Altwarenhandel. Ein ganz billiges Kleid. Das ist einfach nur ein bisschen erweitert worden. Ich dachte, das leiste ich mir mal zu meinem 70. Eigentlich trage ich ja gern Kostüme. Aber so explizit weiblich hat mich das nie richtig interessiert. Ich finde Metamorphosen etwas sehr Schönes, Variationen. In uns stecken doch so viele Personen und Stimmungen.

Rosa von Praunheimtip Denken Sie, schwule Männer haben einen direkteren Zugang zur eigenen femininen Seite?
Rosa von Praunheim Nicht unbedingt. Viele verdrängen das ja auch gerade – weil die weibliche Seite eben diskriminiert wird. Sie wird verachtet, in manchen Ländern mit dem Tod bestraft.

tip In Ihrem Film „Meine Mütter – Spurensuche in Riga“ (2007, d. Red.) gehen Sie der spät entdeckten Information nach, dass Ihre Mutter nicht Ihre biologische Mutter war. Hat sich dadurch Ihre Selbstwahrnehmung verschoben?
Rosa von Praunheim Überhaupt nicht. Vielleicht wäre eine solche Entdeckung für junge Menschen schwierig. Wenn es bei jungen Menschen etwa Scheidungen gibt oder neue Frauen oder Männer in die Familie einziehen, kann es Probleme geben; das können entscheidende Erlebnisse fürs ganze Leben sein. Aber im hohen Alter spielt es keine große Rolle mehr. Ich habe ja mein Leben gelebt, und meine Mutter habe ich sehr geliebt. Dass sie nun nicht meine biologische ist, ist nicht entscheidend. Ich glaube, wenn man ein liberaler Mensch ist, sind Wahlverwandtschaften sowieso viel wichtiger als biologische.

tip Das Thema Wahlfamilie oder Geistesverwandtschaft ist ein wiederkehrendes Thema Ihrer Filme.
Rosa von Praunheim Ich habe mir ja auch Anfang der 60er den Künstlernamen Rosa von Praunheim gegeben, als Zeichen für eine eigenständige Identität – anstelle eines Herkunftsnamens.

tip Gab es Zeiten, in denen Sie diesen Namen nicht mehr wollten, wo Ihnen vielleicht Ihr bürgerlicher Name Holger Mischwitzky lieber gewesen wäre?
Rosa von Praunheim Nein. Ich war ja sehr stolz darauf. Der Name bezieht sich auf den rosa Winkel, den die Schwulen im KZ hatten. Es ist ein politisches Statement, und dadurch, dass ich politisch aktiv und kämpferisch war und bin, war ich immer stolz darauf. Ich hatte auch das Glück, dass ich nie Anfeindungen hatte – jedenfalls keine starken. Sondern dass ich im Gegenteil anderen Mut machen konnte durch meine öffentliche Person.

tip Sie haben mal über Ihre eigene Rolle in Beziehungen gesagt, Sie seien eher der Typ „Macho“. Passt das überhaupt?
Rosa von Praunheim Klar. Diese Seite gibt es an mir auch, aber ich denke schon mit einer anderen Sensibilität. Ich war nie der Leder- oder S/M-Typ, das hat mich nicht so interessiert. Aber von der Vitalität her bin ich sicher ein Macher, der sich durchsetzt. Das ist, glaube ich, auch notwendig, wenn man sich als Minderheit in der Gesellschaft durchsetzen will und muss.

tip Sie haben von sich auch gesagt, dass Sie immer alles allein gemacht hätten.
Rosa von Praunheim Stimmt.

tip Eine bewusst gewählte Haltung?
Rosa von Praunheim Nun, ich bin ein Einzelkind, das könnte eine Ursache sein. Aber oft habe ich auch nur wenige Mitstreiter gefunden. Als ich „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ drehte (1971, d. Red.), war ich ziemlich allein. Als ich damals die Outing-Aktion machte (1991, in deren Rahmen von Praunheim prominente schwule Männer im Fernsehen outete, d. Red.), gab es zuerst Leute, die mitmachen wollten, die aber wieder abgesprungen sind. Ich glaube, wenn man was bewegen will, ist es oft der Einzelne, der das tun muss.

Rosa von Praunheimtip Sie sind als Kind mit starken Frauen aufgewachsen. Führt das gewissermaßen automatisch zu Selbstbewusstsein?
Rosa von Praunheim Ich war als Kind schüchtern. So wird es jedenfalls erzählt. Bis zu meinem 17. Lebensjahr war ich wohl sehr ruhig und sensibel. Erst mit 17 hat sich das geändert, als ich auf die Kunstschule nach Offenbach ging und die Möglichkeiten entdeckte, die das Leben so bietet. Vorher war ich sehr verträumt. Ich war auch nicht gut in der Schule deswegen. Und dadurch, dass ich so oft sitzen geblieben war, bin ich auch nie verprügelt worden. Da trauten sich andere nicht ran, weil ich älter war.

tip Ihre Familie ist mit den Schwierigkeiten in der Schule aber offenkundig verständnisvoll umgegangen?
Rosa von Praunheim Ja, ich hab‘ ja mal diesen Satz gesagt: Meine Eltern haben mich geliebt, ohne zu verstehen. Und das finde ich mit die größte Liebe, die man überhaupt kriegen kann.

tip Mit dieser Liebe der Eltern meinen Sie insbesondere, dass sie sich auch nach Ihrem Coming-Out nicht verändert hat?
Rosa von Praunheim Auch vorher: als verrückter Künstler, als Verträumter, als jemand der nicht in die bürgerliche Welt hineinpasst. Das war bei mir alles schon früh klar, und das haben sie erst mal nicht so verstanden, weil sie es nicht kannten. Aber sie haben mich trotzdem so akzeptiert und gefördert. Das ist, glaube ich, für die Psyche eines Menschen sehr wichtig. Es ist ein sehr schönes Geschenk.

tip Sie haben schon gesagt, dass Sie generell relativ wenig angegangen wurden in Ihrem Leben, etwa offen diskriminiert.
Rosa von Praunheim Das hat wohl was mit Selbstbewusstsein zu tun. Ich habe auch viele Menschen interviewt, die sehr mutig waren, die revolutionär waren in schwierigen Zeiten. Und es zeigte sich eigentlich immer, dass Mut sich in den meisten Fällen ausgezahlt hat. Menschen akzeptieren offenbar, wenn andere mutig sind. Schwächen werden, denke ich, viel stärker diskriminiert, auch irgendwie sadistischer behandelt. Aber jemand, der selbstbewusst auftritt – eine Tunte zum Beispiel, die auf den Bau geht und dort arbeitet und frech ist –, so jemand findet viel mehr Akzeptanz als jemand, der still und sensibel ist und sich verstecken will, während andere auf ihm herumhacken.

tip In einem der 70 Filme sind Sie selbst der Protagonist, ausnahmsweise unter der Regie von Elfi Mikesch („Ich bin ein Gedicht“). Es gibt darin einen Moment, wo Sie sagen, dass Sie nie besonders zufrieden mit Ihrem Körper waren. Das überrascht, weil man Sie als sinnenfrohen und auch gefragten Mann wahrnimmt, mit ausschweifenden Zeiten wie in New York.
Rosa von Praunheim Aber das ist bei vielen Menschen oft der Gegensatz. Ich war ja sehr attraktiv in meiner Jugend. Es ist oft so, dass solche Menschen von der Psyche her gar nicht so selbstbewusst sind und immer wieder Bestätigung brauchen. Denn es gibt einen Unterschied, wie andere dich wahrnehmen und wie du selbst dich siehst. Es kann jemand klein und dick sein und trotzdem in sich ruhen und dadurch attraktiv sein; es kann jemand anderes – etwa vom Modischen her oder vom Zeitgeschmack – als besonders attraktiv gelten, der aber selbst völlig unsicher ist. Und das war ich. Nicht aufs Berufliche bezogen, nicht auf das, was ich künstlerisch gemacht habe. Im Privaten. Das hatte schon was vom Klischee des kleinen Mädchens, dem man hinterherrennen muss und viele Komplimente machen, bevor man es erobert.

tip Denken Sie, dass unter schwulen Männern der Druck höher ist als bei heterosexuellen, ein attraktives Äußeres vorweisen zu müssen?
Rosa von Praunheim Nein, das sind Klischees, das gibt es so nicht. Schwule unterscheiden sich, wie alle anderen Menschen, in tausend Facetten voneinander. Du hast den schwulen Arbeiter genauso wie den schwulen Angestellten; du hast jemanden, der besonders eitel und narzisstisch ist – die gibt es bei Heteros und bei Frauen genauso. Es gibt proletarische Schwule, intellektuelle, es gibt künstlerische Schwule – so wie ich, der eher zur Künstlerszene zählte. Ich habe auch früher schon keinen besonderen Wert auf mein Äußeres gelegt. Ich war wild und kreativ, überhaupt nicht modisch. Wenn jemand dagegen als Angestellter im KaDeWe arbeitet, hat er vermutlich ein ganz anderes modisches Bewusstsein als jemand, der Kohlen schleppt.

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