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Rosa von Praunheim im Interview

Rosa von Praunheim

tip In den 70 Filmen wird auf verschiedene Weise auch das Älterwerden Thema. In Elfi Mikeschs Film sagen Sie eher flapsig: „Ich bin bald tot.“ Streben Sie keine dreistellige Zahl an?
Rosa von Praunheim Sehr alt zu werden, ist ja nicht unbedingt wünschenswert. Es kommt immer darauf an, auf welche Weise es geschieht. So lange du deine Hauptfähigkeiten behältst und produktiv sein kannst, dann ist es was Wunderbares. Mein Freund (Oliver Sechting, d. Red.) arbeitet in der Berliner Schwulenberatung. Sie haben ein großes Haus gegründet, hauptsächlich für Ältere. Es gibt dort über 20 Wohnungen, auch eine Demenzstation. Er kommt also viel mit älteren Schwulen zusammen, von denen viele nicht das Glück haben, gesund oder mobil genug zu sein, um rauszugehen, um Freunde zu suchen, und die manchmal auch kein Internet haben.

tip Sie wirken mit 70 nicht gerade wie jemand, den man als „Senioren“ bezeichnen würde.
Rosa von Praunheim Mag sein, aber so etwas kann sich morgen schon ändern. Es kann sein, dass ich die Diagnose Krebs bekomme und nur noch ein halbes Jahr zu leben habe. In meinem Bekanntenkreis passiert so etwas; es kommt vor, dass du Leute sehr vital antriffst, und plötzlich sind sie tot. Natürlich kann das auch Jüngeren passieren. An Aids zum Beispiel sind in meinem Umfeld – weil ich im Aids-Engagement auch sehr aktiv war – viele schon sehr jung gestorben. Du hast keine Garantie, dass dein Leben immer so bleibt, auch wenn du dich momentan vital fühlst.

tip Wie würden Sie Ihr Verhältnis zum Tod beschreiben?
Rosa von Praunheim Ich habe viele Filme über ältere Menschen gemacht, auch ein Buch und einen Film zum Tod. Aber je älter ich werde, umso weniger möchte ich mich damit beschäftigen: mit Behinderungen oder Krankheit, eben weil das einen selber betreffen kann. Ich habe etwa auch Angst, mir Michael Hanekes Film „Liebe“ anzusehen …

Rosa von Praunheimtip … in dem es um ein älteres Ehepaar geht, bei dem die Frau nach einem Schlaganfall zum Pflegefall wird.
Rosa von Praunheim Ein Freund von mir hat ihn gesehen und war begeistert. Und ich liebe ja auch Haneke-Filme. Aber jemanden eine Viertelstunde zu sehen, der gewindelt wird, das interessiert mich nicht so. Weil das in meine Nähe kommt, und davor habe ich auch Angst.

tip Dennoch beschäftigen Sie sich mit dem Tod. In den 70 Filmen sind es Episoden wie „Ein Vater stirbt“ oder „Der kranke Dichter“.
Rosa von Praunheim Das habe ich auch schon früher, zum Beispiel mit dem Film „Rosas Höllenfahrt“ (2009, d. Red.). Das hat mich interessiert: Was passiert nach dem Tod, also eher eine religionskritische Frage. Ich bin katholisch erzogen worden, das war schon eine Art Gehirnwäsche, der Gedanke, dass Menschen in der ewigen Hölle schmoren und Ähnliches. Ich habe gerade wieder einen Film abgeschlossen, der sich mit Religion beschäftigt.

tip Haben Sie als Kind an die Hölle geglaubt?
Rosa von Praunheim Ich bin so erzogen worden. In meiner Pubertät haben das die katholischen Priester von der Kanzel mit Leidenschaft, Vehemenz und Sadismus gepredigt.

tip Glauben Sie an andere spirituelle Konzepte?
Rosa von Praunheim Nein. Ich sage, ich bin beides: Ich bin vielgläubig, ich glaube alles, und ich glaube gar nichts. Glauben kann man ja immer sehr schnell. Aber es ist ein Spiel.

tip Kommen wir auf ein weiteres wiederkehrendes Motiv Ihrer 70 Filme: Hüte.
Rosa von Praunheim Stimmt, 70 Hüte für 70 Filme. Das gehört zur Idee, dass ich in jedem Film einen neuen aufhabe, der irgendwie zur Situation passt.

tip Ist Ihre Lust am Provozieren mit dem Älterwerden etwas kleiner geworden?
Rosa von Praunheim Im Gegenteil, die ist noch genauso da. Allerdings wehre ich mich auch vor dem Druck, wenn alle sagen: „Der hat mal provoziert, also muss er immer provozieren, sonst ist er spießig.“ Das wäre für mich irgendwie doof, weil dein Leben ja aus unterschiedlichen Facetten besteht. Warum also sollte ich jetzt eine Mohammed-Karikatur machen und mich abschlachten lassen – nur damit die Leute denken: „Gut, er provoziert immer noch.“ Provokation kannst du in dem Sinne auch nicht erzwingen. Ich finde es viel besser, wenn man einen Film hat, über den diskutiert wird, vielleicht mit unterschiedlichen Meinungen. Das ist natürlich ein Ziel, das man gern hat: Denkanstöße zu geben und nicht nur unter ästhetischer Hinsicht etwas zu befriedigen.

Rosa von Praunheimtip In Ihren Filmen sind Sie derjenige, der die Diskussion anregt und auch oft im Bild zu sehen ist als Interviewer. Diese Entscheidung, selbst im Film aufzutreten, hat Ihnen auch Kritik eingebracht. Haben Sie auch überlegt, selbst außen vor zu bleiben und nur den Interviewpartner zu zeigen?
Rosa von Praunheim Es kam schon vor, dass gesagt wurde: „Das ist ein bisschen zu penetrant.“ Dann überlegst du auch, ob da was dran ist. Aber bei den 70 Filmen ist es Teil des Prinzips: Ich komme mit jeweils einem neuen Hut, und ich bin bei jedem Porträt dabei. Ich glaube, das kommt letztlich ganz sympathisch rüber, weil die anderen ja klar im Vordergrund sind. Ich habe ja auch Freude an meiner Fantasie und an meiner Person – warum sollte ich das nicht ausdrücken?

tip Ich komme nochmal zurück auf Ihre Eigenschaft, den verschiedensten Menschen ohne Berührungsängste zu begegnen. Es gibt auch Themen, mit denen Sie sich befasst haben, die sehr schwierig sind: beispielsweise Pädophilie oder Nazi-Gedankengut. Haben Sie Projekte erlebt, in denen Ihnen Situationen unheimlich wurden oder die Sie abgebrochen haben?
Rosa von Praunheim Natürlich. Abgebrochen nicht – aber als ich den Film „Männer, Helden, schwule Nazis“ (2005, d. Red.) machte, hatte ich natürlich viel mit Neonazis zu tun, auch mit brutalen. Die kamen rein mit Eva Braun- oder Heydrich-Tätowierungen, teils auch mit zwei Bodyguards, und sagten, sie hätten schon Kameraleute zusammengeschlagen. Dann haben sie sich aber doch sehr geöffnet.

tip Wie haben Sie das angestellt?
Rosa von Praunheim Ich denke, weil ich sehr sensibel gefragt und sie als Menschen ernst genommen habe. Und weil ich nicht versucht habe, klar zu machen: Ihr seid Idioten und wir befinden uns auf feindlichen Linien. Ich wollte gerade ihre Widersprüche kennenlernen, wollte wissen, warum sie so sind und was ihnen wichtig ist. Wenn man sie als Menschen ernst nimmt, wird man von ihnen auch anders angesehen, glaube ich. Trotzdem kommt man auch in gruselige Situationen, wo du zum Beispiel in eine Wohnung kommst, und plötzlich wird hinter dir abgeschlossen und du weißt nicht, ob du rauskommst.

tip So etwas haben Sie erlebt?
Rosa von Praunheim Das war ein Vorfall, wo ich Panik kriegte. Das waren komischerweise zwei Frauen, als die Tür verschlossen wurde. Dann musst du ganz cool sein, darfst keine Angst zeigen.

tip Kommen wir kurz noch auf einen Ihrer beliebtesten Filme zurück, Ihren ersten Langfilm. Haben Sie im Lauf der Zeit eigentlich haufenweise Bettwürste geschenkt bekommen – als kleine Aufmerksamkeit?
Rosa von Praunheim Früher gab’s schon einige. Aber das ist lange her. Sammlung kann ich keine vorweisen. Aber mich freut es natürlich ungeheuer, dass „Die Bettwurst“ letztlich der Film ist, den die meisten noch so in Erinnerung haben und der vor allem von jungen Leuten immer wieder entdeckt wird.

Interview: Ulrike Rechel

Fotos: Markus Tiarks

Lesen Sie hier: Tom Tykwer über Rosa von Praunheim

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