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Rosa von Praunheim im Interview

Rosa von Praunheim

Die Eröffnungsszene mit Rosa von Praunheim in seiner Charlottenburger Wohnung vergisst man nicht so leicht. Der Filmemacher öffnet die Tür und begrüßt den Besucher freundlich. „Das sind unsere Mäuse“, sagt er und zeigt auf einen stattlichen Käfig im Eingangsbereich. Bevor man sich die emsigen Tierchen genauer betrachtet hat, weist der Gastgeber vis-а-vis. „Und das sind unsere Schlangen“. Das offenbar gesättigte Duo – eine Boa und eine Python – hängt reglos an dicken Ästen im Terrarium. Die Umgebung wirkt schon harmloser: Plüschtiere und Nippes erinnern an ein Raritätenkabinett; die Wände sind bedeckt mit dicht beschriebenen Papierbögen und Zeichnungen. Es sind Szenenfolgen und Zwischenbilder für von Praunheims jüngstes Projekt: „Rosas Welt“, ein Großwerk aus 70 Einzelfilmen anlässlich des 70. Geburtstags des Berliner Queer-Film-Pioniers. Vom Zweiminüter über den Transsexuellen-Strich in der Berliner Frobenstraße bis zum Spielfilm über die New Yorker Performerin Phoebe Legere. Die Schlossführung geht weiter, einen schmalen Flur entlang in Richtung Küche – dem Ort, an dem der Regisseur Tee anbietet –, vorbei an Regalen voller Filme und an Zimmern mit spannenden Geschichten: „Hier ist überall gedreht worden“, erläutert Praunheim. Die schmale Kammer zur Linken etwa diente Lotti Huber einst als psychi­atrische Zelle in „Anita – Tänze des Lasters“; ein graues Sichtfensterchen zeugt noch davon. Nebenan toste 2009 das Fegefeuer. „Hier waren 20 Nackte drin, die vor einer Feuerprojektion zitterten“. Kein Raum, der nicht direkt verknüpft ist mit Praunheim-Kino. Allein in drei Zimmern der 200 Quadratmeter-Wohnung sitzen zurzeit Mitarbeiter an Schnittplätzen. Es gilt, letzte Arbeiten für den großen Festreigen zu verrichten. Rund um den Geburtstag am 25. November wird es „70 Filme“-Kinonächte geben, eine Retro­spektive, eine Ausstellung, eine Buchpräsentation und die große Geburtstagsgala im Kino Babylon. Bis es soweit ist, herrscht betriebsame Ruhe.

tip Herr Praunheim, zu Ihrem 70. Geburtstag präsentieren Sie ein Mammutprojekt: 70 Filme, alle in den letzten zwei Jahren gedreht. Wie kamen Sie darauf?
Rosa von Praunheim Eigentlich war das ein Gag: 70 Filme zum 70. Den Gag habe ich weitererzählt, und es gab ein paar Verrückte, wie den Redakteur Jens Stubenrauch vom rbb, die das gut fanden. Er hat das also weitererzählt, seinen Chefs, Sendern und Filmförderungen, und alle fanden es gut. Das war das Unglaubliche. Vielleicht liegt es daran, dass der rbb mit Events wie „24h Berlin – ein Tag im Leben“ und „20 x Brandenburg“ schon Erfolg hatte.

Rosa von Praunheimtip … Doku-Reihen, die den Alltag verschiedenster Protagonisten abbilden. Bei „24h Berlin“ stammte eine Episode über einen Darkroom von Ihnen.
Rosa von Praunheim Genau, das war erfolgreich. Ein Einzelfilm wäre vermutlich schwieriger gewesen, aber ein Event ist offenbar etwas, das zu dem Zeitpunkt gerade eine Chance hatte. Es hat sicher auch geholfen, dass meine beiden vorigen Filme, die der rbb mitproduziert hat, erfolgreich waren: „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“ und „Meine Mütter“. Für „Die Jungs vom Bahnhof Zoo“ haben wir ja den Grimme-Preis bekommen.

tip „Rosas Welt“ haben Sie das Projekt genannt. Es ist ein Kaleidoskop aus Begegnungen mit Berliner Menschen, starken Persönlichkeiten und auch vielen exzentrischen.
Rosa von Praunheim Vor allem mit starken Frauen. Mit starken Männern weniger. Starke Frauen waren mir immer sehr wichtig. Weil Frauen – gerade ältere – viel stärker diskriminiert wurden; in sexueller Hinsicht, aber auch generell, abgetan wurden in der Gesellschaft. So war es jedenfalls in der Vergangenheit. Ältere Männer haben einen ganz anderen Status. Daher kommt auch die Solidarität zwischen starken Frauen und Schwulen, die ja auch diskriminiert werden. Es kommt sicher auch eine Muttergeschichte dazu: dass Schwule besonders nahe Beziehungen zu ihren Müttern haben, auch Ersatzmütter lieben.

tip Die Filme teilen Sie in Kapitel ein, neben den „starken Frauen“ beispielsweise „starke Schwule“, „Transgender“ oder auch „sensible Heteros“. Die „starken Männer“ interessieren Sie nicht?
Rosa von Praunheim „Starke Männer“ sage ich einfach nicht so gern. Es führt in eine falsche Richtung. Man denkt dann an Männer, die Macht ausüben. Und darum geht es mir nicht, sondern um Aufgeschlossenheit. „Sensible Heteros“ sind Männer, die auch ihre Schwäche zeigen.

tip Sie begegnen unter anderem schwulen Mops-Besitzern, Akrobaten, einem Schornsteinfeger, der ein S/M-Festival organisiert, reichen Kunstmäzenen und Lebenskünstlern. Wer in dieser Reihe überrascht, ist Thilo Sarrazin, mit dem Sie ein Interview führen.
Rosa von Praunheim Was nicht geplant war, denn ich wollte seine Frau interviewen. Aber sie hat mir in der Nacht zuvor abgesagt. Ich war dann also allein mit ihm und fand ihn auch interessant, weil er kontrovers ist. Ich mag ja Leute, die so viel Kontro­versen auslösen – weil ich das auch selbst gemacht habe.

Rosa von Praunheimtip Wie haben Sie die Begegnung empfunden?
Rosa von Praunheim Ich war dann doch enttäuscht, dass er nichts Konstruktives anzubieten hat. So etwas habe ich später bei der Begegnung mit Heinz Buschkowsky eher gefunden – vor allem aber bei Seyran Ate?, der türkischen Feministin, die ich sehr mag. Diese drei habe ich also kombiniert, und so ist es ein sehr schöner Film geworden, mit drei Persönlichkeiten zum selben Thema.

tip In der Sarrazin-Episode gelingt es nicht, ihn für das Gespräch zu öffnen. Als Sie eine Frage zu seinem Sohn stellen, der offenbar Hartz IV bezogen hat, bricht er das Thema ab …
Rosa von Praunheim … womit er mehr ausdrückt, als wenn er etwas darüber gesagt hätte.

tip Ursprünglich aber hatte Sie ja seine Ehefrau interessiert. Warum?
Rosa von Praunheim Weil ich herausfinden wollte, wie sie mit der Situation umgeht, dass ihr Mann sich doch auch sehr in Gefahr begibt. Wie das ist, wenn du jemanden liebst – und das nehme ich ja an –, dem auch viel hätte passieren können durch die aggressive Öffentlichkeit, die er mit seinem Buch ausgelöst hat. Das ist für einen Partner, glaube ich, schwierig: Wie solidarisiert man sich? Ist man vorsichtig? Warnt man den anderen, hat man Angst um ihn, wie ist das? Und teilt sie alle seine Meinungen? Das hätte mich interessiert.

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