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Queere Klassik

Rosa von Praunheims „Männerfreundschaften“ im Kino

Wie innig waren die Freundschaften zwischen den großen Geistern der deutschen Klassik eigentlich? Rosa von Praunheim schaut in „Männerfreundschaften“ auf die Zeit von Goethe und Schiller

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Goethe und Schiller waren ein Paar – ein Dichterpaar für das Vaterland, so steht es auf dem Doppelstandbild in Weimar. Die beiden Literaten waren einander in inniger Freundschaft zugetan – wie innig, darüber diskutieren seither die Experten. Und in diese Diskussion bringt sich nun auch Rosa von Praunheim ein: Sein neuer Film „Männerfreundschaften“ handelt von schwulen Untergründigkeiten in der Zeit der deutschen Klassik. Von Goethe sind zwar vor allem Frauengeschichten bis ins hohe Alter überliefert, er war aber auch zutiefst geprägt von der Neuentdeckung der Antike, die damals „wohlgebildete Knaben“ in den Blick rückte.

Praunheim versammelt für seinen Film einige Darsteller in Kostümen, die an damals erinnern, er lässt sie durch die einschlägigen Landschaften turteln (der Film ist auch eine schöne Schlösserreise), er befragt Literaturwissenschaftler und Historiker, und er kommt dabei allmählich zu einem differenzierten Bild in Sachen Homosexualität in der Klassik: vom einem Kult der Freundschaft (zwischen Männern) bis zu der Begründung einer schwulen Ästhetik durch den Griechen-Fan Winckelmann werden viele Aspekte angesprochen.
Man hätte die Geschichte von den „warmen Brüdern“ (so bringt ein amerikanischer Literaturwissenschaftler die Sache pointiert auf den Punkt) sicher auch als Spielfilm erzählen können. Und Rosa von Praunheim, der für „Männerfreundschaften“ selbst Perücke und Wams trägt, hätte darin eine tragende Nebenrolle übernehmen können. Doch er hat sich entschieden, einen Dokumentarfilm zu machen, noch dazu einen mit einer speziellen Form: einen „Workshop“-Film.

Für diese Entscheidung war vermutlich das liebe Geld ein wesentliches Motiv. Dokumentarfilme sind meist billiger als Spielfilme, bei denen man dann auch richtige Kostüme und überzeugende Ausstattung erwartet. Dominik Graf hat mit „Die geliebten Schwestern“ so einen Ausstattungsfilm über die Ehrenrettung der Frauen in der Deutschen Klassik gemacht. Rosa von Praunheim trägt nun ein Kapitel über die speziellen Männerbeziehungen nach.

Die lockere Form, die er dabei wählt, soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es um seriöse Recherche geht. Und gerade Praunheim hat schon mit seinen früheren Filmen bewiesen, dass es zwischen Spiel- und Dokumentarfilm fließende Übergänge gibt. „Neurosia – 50 Jahre pervers“ war ein Selbstporträt, das sich wie ein Krimi gab; „Härte“ (2015) verband ein Porträt des Zuhälters und Kampfsportlers Andreas Marquart mit gespielten Szenen.

Praunheim steht mit seinen Mischformen für eine langfristige Tendenz in der Filmgeschichte, die auf eine Aufhebung des Unterschieds zwischen Spielfilmen und Dokumentarfilmen hinausläuft. Im alltäglichen Kinobetrieb ist dies zuerst einmal einfach an der Tatsache zu erkennen, dass schon seit Jahren regelmäßig auch viele Dokumentarfilme einen Kinostart bekommen. Die Themen für Dokumentarfilme können aus allen Bereichen kommen, es kommt auf die Umsetzung an. Der klassische Porträtfilm mit Interview-Passagen und Archivmaterial hat seit dem Ende des 20. Jahrhunderts auch deswegen an Gewicht gewonnen, weil durch das Fernsehen so viel spannendes Material auszuwerten ist.

Für „Männerfreundschaften“ ist Rosa von Praunheim auf Gemälde und Briefe angewiesen; die „Archivaufnahmen“ lässt er nachspielen. Aber auch hier lässt sich etwas von der Wende zur Wirklichkeit erkennen, die zu den Hauptmerkmalen unserer Gegenwart gehört. Noch vor dreißig Jahren sprachen die Denker auf dem Höhepunkt der Postmoderne davon, dass sich unser Weltverhältnis in virtuelle Erlebnisse auflösen würde. Das Gegenteil ist der Fall: Ausgerechnet seit dem größten Bildereignis der jüngeren Geschichte – seit 9/11 – konfrontiert sich auch das Kino wieder intensiv mit den vielen Wirklichkeiten der Geopolitik, der Finanzmächte, der Klimaverhältnisse, der Kunst – oder einfach den Wirklichkeiten besonderer (also potentiell aller) Menschen.

Michael Moore, dessen neuer Film „Fahrenheit 11/9“ im neuen Jahr in Berlin starten wird, erwies sich als Pionier eines politischen Kinos, das von Fernsehbildern ausgeht und sie kritisch hinterfragt. Eine Beobachterin wie Marie Wilke, die mit „Aggregat“ eine spannende Bestandsaufnahme der deutschen Diskussionskulturen seit der „Flüchtlingskrise“ 2015 vorgelegt hat, steht für viele andere, die mit dem dokumentarischen Kino vor allem das geduldige Sehen üben wollen. Ein alter Meister in diesem Fach ist Frederick Wiseman, von dem kürzlich „Ex Libris“ startete. Das Porträt der New Yorker Public Library ist einer der Schlüsselfilme in diesem Kinojahr.
Einen gemeinsamen Nenner muss man in der Vielfalt des dokumentarischen Kinos nicht unbedingt suchen, und wenn, dann findet man ihn vielleicht ganz einfach in einem Prinzip, das nicht zuletzt in den Männerfreundschaften der deutschen Klassik kultviert wurde: eine erotisch aufgeladene Beziehung zur Wirklichkeit – und ein Kult der Humanität. Also des Menschlichen und manchmal allzu Menschlichen.

Männerfreundschaften D 2018, 85 Min., R: Rosa von Praunheim, Start: 13.12.

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