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Ryan Gosling im Porträt – Teil 2

gosling_clooney„Irgendetwas treibt mich derzeit dazu an, so richtig schön gewalttätige Filme zu drehen, aber fragen Sie mich nicht, wo das herkommt“, versucht er sich an einer Erklärung. Besser gesagt: Er lenkt rasch ab von den Recherchen für Figuren oder psychologische Nuancen, beschreibt sich als offensichtlich wahrheitswidrig, als „stinkfaul“ und witzelt lieber über Clooney, der ihn am Set von „The Ides of March“ mit Streichen traktierte. Wie wichtig es Gosling ist, seine Figuren nicht mit dem steigenden Starfaktor zu überlagern, wird erst deutlich, als die Rede auf sein aktuelles Arbeitspensum kommt. Gleich ein paar Projekte sind in Produktion, darunter Neues von Terence Malick und „Drive“-Regisseur Nicolas Winding Refn.

„Ist vielleicht zu viel auf einmal“, sinniert er und denkt an die letzten zehn Jahre zurück, in denen er bestenfalls einmal im Jahr arbeitete, „um die Leute zwischenzeitlich vergessen zu lassen, dass sie mich schon mal gesehen haben.“ Geboren war diese Skepsis gegenüber zu großer Exponiertheit in seinen Jugendjahren, als er eine der härtesten Showbizschulen der Industrie durchmachte: den Mickey Mouse Club. An der Seite von Teenagern wie Britney Spears oder seinem damaligen Mitbewohner Justin Timberlake tanzte und schauspielerte sich Gosling jahrelang durchs Kinderprogramm – um mit Neunzehn eiskalt fallengelassen zu werden, als er um Jobs für Erwachsene bat.

„Wäre ich in England geboren worden, hätte ich sicher den klassischen Weg über das Theater einzuschlagen versucht, aber in L.A. gibt es nun mal keine Royal Shakespeare Company“, sagt er schulterzuckend. Wie Timberlake ist er hingegen durch die Disney-Jahre mit einer Disziplin und einem Selbstbewusstsein ausgestattet worden, dass ihn zu einem Kreativen höchst moderner Prägung macht. Unterteilungen zwischen Ernst und Unterhaltung sind ihm fremd, allein die Neugier aufs Ausprobieren treibt ihn an und hält seine Arbeit frisch, obwohl er schon ein Veteran ist.

Von der Innenwelt der US-Politik habe er als Kanadier zwar keine Ahnung, sagt Gosling beispielhaft für seine wechselhaften Intentionen. Doch in „The Ides of March“ mit Idolen wie Philip Seymour Hoffman oder Jeffrey Wright drehen zu können, sei Grund genug für ein Mitwirken, zumal er selbst sicher bald Regie führen wolle und sich von Clooney eine Menge abschauen konnte. Dass er Charakterdarsteller als Vorbilder nennt, verrät dann auch viel über die Ziele Goslings, der seine eigene Filmstar-Physiognomie lange Zeit versteckt hat unter Bärten, Glatzen und Bierbäuchen. Alles, nur nicht zu sehr auffallen, wenn es nicht unbedingt sein muss. Was auch für Nebenprojekte wie die grandiose Band Dead Man’s Bones gilt, die Kinderchoräle mit fiebrigen Songs paart und Gosling auf Gruppenfotos versteckt wie auf „Wo ist Waldo“-Bildern.

Dass sein Profil nun insbesondere durch „Drive“ international explodiert ist – nie hätte er mit so viel Aufmerksamkeit gerechnet. „Aber ich nehme die Dinge schon immer wie sie kommen, anstatt fünf Schritte im Voraus planen zu wollen. Und nach den Disney- und den Indie-Jahren beginnt nun wohl meine dritte Karriere. Und das Beste daran: Ich kann mich selbst davon überraschen lassen, wohin die weitere Reise führt.“

Text: Roland Huschke

Foto: Saeed Adyani/TOBIS Film/2011 Ides Film Holding, LLC./Sony Pictures Entertainment Inc

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