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Ryan Gosling im Porträt

gosling_ryanAllzu wahrscheinlich ist es nicht, dass ihm so bald die Angebote ausgehen. Aber falls Ryan Gosling des Kinos einmal müde werden sollte, gäbe er einen hervorragenden Pokerspieler ab. Wie festgefroren kann sein feines, ein wenig spöttisches Lächeln wirken, mit dem er neugierigen Journalisten begegnet oder in seinem neuen Film „The Ides of March“ auf Attacken politischer Gegner reagiert. Gosling spielt einen smarten Berater im Vorwahlkampf zur US-Präsidentschaft, den sie am Ende alle unterschätzen wegen des naiven Hundeblickes aus großen, fragenden Augen. Sich nicht in die Karten blicken und Interpretationen seines Verhaltens den Zuschauern zu überlassen – diese Haltung zieht sich nicht nur durch Goslings Karriere, sondern lässt ihn persönlich auch Journalisten auf Distanz halten. „Wenn ich könnte“, sagte er schmunzelnd, „bliebe ich am liebsten ein Geheimtip, bis ich in Rente gehe.“

Zu spät. Das Geheimnis ist gelüftet durch den aktuellen Doppelschlag „The Ides of March“ und „Drive“, zweier weithin gefeierter Filme, in denen seine Charaktere kaum unterschiedlicher sein könnten. Für einen Schauspieler, der 2011 von der „New York Times“ bis zum Filmblatt „Empire“ zu Hollywoods Mann des Jahres gekürt wurde, arbeitet Ryan Gosling schon verdammt lange in einer Liga für sich. An seinen Durchbruch in „The Believer“ (2001) wäre zu erinnern, als er den riskanten Part eines jüdischen Neonazis mit Bravour meisterte. Oder an „Half Nelson“ (2006), als er mit narkoleptischer Entrücktheit einen drogenkranken Highschool-Lehrer verkörperte – und dafür seine erste, aber garantiert nicht letzte Oscar-Nominierung einfuhr. Längst hing dem gebürtigen Kanadier in der Branche das Ettikett „bester Schauspieler seiner Generation“ an, doch spätestens als  Independent-Kleinode wie „Blue Valentine“ (2010) wieder mal fast mehr Kritiker als zahlende Zuschauer begeisterten, nahm das Missverhältnis von Talent und Popularität leicht absurde Züge an.

Mitunter schien es, als wolle er sich verstecken in kleinen Produktionen auf der großen Leinwand – hiding in plain sight. „Korrekt beobachtet“, sagt Gosling mit verschmitztem Grinsen, das ihn bubenhafter wirken lässt als einen Mann Anfang Dreißig. „Meinen Agenten hat es zwar zwischendurch in den Wahnsinn getrieben, aber ich habe oft bewusst Abstand von Filmen gehalten, die über ein Nischenpublikum hinaus große Chancen hatten. Der Hunger nach Hits, der die Entscheidungen vieler Kollegen motiviert, ist mir total fremd. All die Superhelden zum Beispiel. Was könnte ich daraus lernen, vor einer grünen Leinwand gegen unsichtbare Monster zu kämpfen? Wie soll ich glaubhaft verkörpern, was ich nicht mal annähernd verstehe? Sorry, ich bin unfähig zu guter Arbeit, wenn ich nicht an mein Material glaube. Und in meinen Zwanzigern habe ich die Ruhe und Zeit gebraucht, meine Stimme zu finden und kreative Freiheit zu genießen.“

Was ein wenig versnobt für jemanden klingen mag, der mit der saccharinsüßen Romanze „Wie ein einziger Tag“ (2004) durchaus mit dem Status des sensiblen Mädchenschwarmes flirtet und sein Sixpack auch nicht versteckt, wenn es zum Part passt wie neulich bei „Crazy, Stupid, Love“. Doch solche Widersprüche sind nur Ausdruck der vielen Neuerfindungen seiner selbst, die in Goslings Karriere bislang die verlässlichste Konstante ausmachen. Eine mitunter anarchische Lust am Überraschungsmoment treibt ihn an, die Gosling nun zu Beginn des neuen Kinojahres fast zufällig ins Zentrum der Aufmerksamkeit katapultiert hat.

Vergleichsweise konventionell kommt zunächst „The Ides of March“ daher – ein eloquentes, systemkritisches Drama von George Clooney, in dem Gosling als Berater eines demokratischen Präsidentschaftsberaters durch den Reißwolf schmutziger Realpolitik gedreht wird. Doch wo sich „The Ides of March“ mit erzählerischer Raffinesse am Realen abarbeitet, ist Goslings im Februar folgender Thriller „Drive“ ein hypnotischer Film, der ihn als Schauspieler völlig neu definiert. Wie ein „Taxi Driver“ für das 21. Jahrhundert spielt er in „Drive“ einen brütenden Stuntfahrer, der die Deckung der Einsamkeit aus Liebe verlässt und direkt ins brutale Verderben rast.

Den vollständigen Text von Roland Huschke lesen sie in der aktuellen tip-Ausgabe

tip-Filmkritik: „The Ides of March – Tage des Verrats“

Foto: Saeed Adyani/TOBIS Film/2011 Ides Film Holding, LLC./Sony Pictures Entertainment Inc

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