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Ein Interview mit Salman Rushdie

Salman Rushdie und Deepa Mehta

tip Sie waren dann aber nicht bei den Dreharbeiten dabei. Wollte die Regisseurin das nicht?
Salman Rushdie Doch, ich hätte durchaus vorbeischauen können, aber ich hielt es für besser, das nicht zu tun. Zum einen war ich sehr mit meinen Memoiren beschäftigt. Und ich wollte den Dreh nicht durch meine Anwesenheit gefährden.

tip Aber Ihr Leben ist doch längst nicht mehr in Gefahr.
Salman Rushdie Richtig, seit zehn Jahren lebe ich in Ruhe. Aber in Südasien haben es Unruhestifter ziemlich leicht, und ich wollte da keinen Anlass liefern. Es ist eine Sache, wenn ich nach Colombo gehe und eine Vorlesung halte, denn da geht es nur um mich. Doch der Dreh war auch so kompliziert und brutal genug, da musste ich nicht noch zusätzliche Schwierigkeiten schaffen.

tip Sie hatten dann keinen Einfluss mehr auf die Gestaltung des Films?
Salman Rushdie Doch, durchaus, Deepa hat ihn mit mir sehr sorgfältig durchgeplant. Bevor sie zum Dreh aufbrach, setzten wir uns eine Woche lang zusammen und gingen jede einzelne Einstellung durch: Was wollen wir damit erreichen? Was ist die Tonalität der Szene? Was wollen wir von den Schauspielern? Wie soll die Kamera positioniert sein? So konnte ich sie guten Gewissens ziehen lassen.

tip Aber bei einem Dreh werden solche Pläne häufig verändert.
Salman Rushdie Das war mir schon klar, aber ich hatte eben großes Vertrauen in Deepa. Sie kontaktierte mich trotzdem jeden Tag, um zu erklären, was sie machte, und um mich zu fragen, ob sie bestimmte Dialogzeilen streichen könnte. Bis ich ihr sagte: „Hör auf mich anzurufen. Es gibt nur eine Person, die ‚Action‘ und ‚Cut‘ sagt. Mach den verdammten Film.“ Und sie empfand das als sehr befreiend, wie sie mir gestand. Ich klinkte mich dann erst wieder beim Schnitt ein.

Mitternachtskindertip Was ist Ihr Urteil?
Salman Rushdie Ich mag den Film. Er ist, glaube ich, auch emotionaler als das Buch, denn die Erzählerstimme ist sehr komisch und ironisch und verrät ihre tieferen Empfindungen nicht. Wenn du dagegen das Geschehen dramatisierst und ungefiltert zeigst, dann kommen die Gefühle stärker heraus. Ob er aber schlecht oder gut ist, das vermag ich nicht zu sagen. Das ist eben das Glücksspiel der Kunst. Du machst deine Arbeit und zeigst sie den Leuten. Die sollen dann ihr Urteil fällen.

tip Doch Generationen kannten nur Ihren Roman, jetzt gibt es auch noch den Film, der die Wahrnehmung des Publikums prägt. Stört Sie das nicht?
Salman Rushdie Das Buch existiert doch weiterhin. Millionen von Ausgaben wurden im Lauf von 30 Jahren verkauft; ich glaube nicht, dass es in Gefahr ist. Und bei Filmen läuft es ganz einfach: Wenn er nicht gut ist, dann verschwindet er nach zwei Wochen aus den Kinos. Und wenn er erfolgreich ist, dann bringt er dem Buch neue Leser.

tip Sind Sie schon bereit für die nächste Adaption?
Salman Rushdie Es gibt ein paar Bücher von mir, die sich für Filme eignen könnten. „Shalimar der Narr“ habe ich schon erwähnt, „Die bezaubernde Florentinerin“ und „Scham und Schande“ kämen auch infrage. An diesem Punkt meines Lebens ist mir das eigentlich egal. Aber wenn ein Regisseur auf mich zukommt, der die gleiche Leidenschaft wie Deepa mitbringt, dann soll er von mir aus gern einen Versuch wagen.

Interview: Rüdiger Sturm/Martyn Palmer

Fotos: 2013 Concorde Filmverleih GmbH

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Mitternachtskinder“ im Kino in Berlin

Über Salman Rushdie
Jahre bevor ihn 1989 der Hass und die Morddrohungen islamistischer Fundamentalisten und des iranischen Revolutionsführers Ayatollah Khomeini für seinen Roman „Die satanischen Verse“ trafen, feierte der indisch-britische Schriftsteller Salman Rushdie seinen Durchbruch in der literarischen Welt mit „Mitternachtskinder“ („Midnight’s Children“). Sein allegorischer Roman, 1981 mit dem renommierten Booker Prize ausgezeichnet, schloss die junge Staatsgeschichte Indiens mit der bemerkenswerten Biografie eines Kindes zusammen, das am 15. August 1947 geboren wird, in der Nacht, in der der Subkontinent seine Unabhängigkeit von der englischen Kolonial­herrschaft zurückerhält. Die Verfilmung seines Romans „Mitternachtskinder“ hat er selbst maßgeblich mitgestaltet, aus der gelassenen Perspektive des souverän gealterten Schriftstellers zum jungen Werk. Seit 2007 ist Rushdie auch ein echter Sir, von der Queen zum Ritter geschlagen für seine Verdienste für die Literatur.

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