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Sam Raimi über Schuld, Horrorsühne und Hitchcock

Sam_Raimitip Mr. Raimi, Sie sind nach drei „Spider Man“-Filmen nun mit der Horrorkomödie „Drag Me to Hell“ zu Ihren Ursprüngen als Horror-Slapstick-Regisseur zurückgekehrt. Ist das vom Wunsch nach Buße und Vergebung geleitet, wie bei Ihrer Filmfigur? Sie waren ja selbst mit dem dritten „Spider Man“ nicht wirklich zufrieden.

Sam Raimi Na ja, ich bin eigentlich mit den meisten Filmen, die ich gemacht habe, nicht ganz zufrieden. Ich sehe Probleme und Schwächen in all den Filmen. Ich versuche immer, einen besseren Film zu machen. Wir dachten, „Drag Me to Hell“ wäre gruselig fürs Publikum und lus­tig und anregend. Wenn das nur eine Reaktion auf etwas wäre, dann würde er auch keinen Erfolg haben.

tip Der Film richtet sich an ein breiteres Publikum als andere Hor­rorfilme, aber seine Bilder sind durchaus provokant. Wie weit kön­nen Sie in der Darstellung gehen?

Raimi Es musste zu dem Thema passen, zu dieser einfachen moralischen Erzählung. Da ist diese junge Bankangestellte, mit der sich das Publikum identifizieren will, die aus Gier eine selbstsüchtige Entscheidung trifft – und eine alte Frau wird sie dafür bezahlen lassen. Wenn man einmal eine solche sündige Wahl getroffen hat, folgen daraus andere Sünden und Strafen. Das funktionierte für uns gut: Wir konnten durch diesen Trichter den ganzen Horror und den ganzen Spaß durchleiten, solange es zum Thema passte: Gier zeugt eine des­truktive Energie, zerstört sich selbst.

tip Ihre Heldin sucht auch nach Vergebung in einer Art Beichte, vergeblich. Sie sind in einer jüdisch-orthodoxen Familie großgeworden. Gibt es davon einen Reflex in der Ethik Ihrer Filme?

Sam_RaimiRaimi (schweigt) … Vergebung. Wir haben oft über Vergebung gesprochen und über diesen Moment im Film. Wir haben das Gefühl, dass Vergebung gewährt werden kann, wenn jemand begreift, was er getan hat, es wirklich bereut, um Vergebung bittet, weiß, dass er es nie wieder tun wird – und ihm die geschädigte Person vergibt. Aber das, was von der Figur hier kommt, ist nicht genug. Es reicht nicht, „Sorry“ zu sagen. Die andere Partei muss einen aus der Schuld entlassen. Wir wollten aber das Publikum einladen, mit der Bankangestellten gemeinsam zu sündigen. Wenn der Dämon kommt, um sie zu holen, soll das Publikum das Gefühl haben: Der kommt wegen mir! Ich habe gesündigt.

tip Jetzt klingen Sie so ernsthaft, als hätte der Film auch im Wettbewerb von Cannes laufen können. Dass das nicht so war, liegt auch daran, dass Sie auf die ethischen Fragen so komische Antworten finden. Wie Ihre frühen „Evil Dead“-Horrorfilme ist das ja eher die Tex-Avery-Cartoon-Erzählung von Strafe und Sünde. Das ist ja ihr besonderer Zugang zum Horrorgenre – dieses dominante komische Element in der Inszenierung.

Raimi Oh, wow. Danke, dass Sie den Film ernst genug nehmen, um solche Fragen zu stellen.

tip Haben Sie das Gefühl, dass das Genrekino in seinem künstlerischen Wert sonst nicht gebührend anerkannt wird?

Raimi Ich glaube, es gibt ein wenig Kunst in Horrorfilmen. Und ich glaube (lacht), sie ist genügend gewürdigt. Die wollen wahrscheinlich nicht noch mehr Anerkennung. Wo die stehen, ist es gut.

tip Sehen Sie sich denn selbst als Auteur, als jemanden, der bei der Arbeit an Industrieprodukten die eigene Handschrift behält? Sie tragen auf Ihren Sets Anzug und Krawatte wie Hitchcock, der Prototyp dieser Autoren-Idee. Ist das eine Hommage an ihn?

Raimi Nein, ich mache das aus Respekt für die Leute, mit denen ich arbeite. Und obwohl ich Hitchcock bewundere … ich will um nichts in der Welt so aussehen wie er.

tip Sie haben früher Filmstreifen kompostiert, um darauf Gemüse zu ziehen. Was hat Sie dazu inspiriert?

Raimi Das ist lange her. Ich habe zu Hause in Michigan Super-8-Filme gedreht, und wir hatten da diesen Komposthaufen. Ich habe immer noch ein leidenschaftliches Verhält­nis zum Film, aber damals wollte ich auf jede mögliche Weise Teil davon werden, jede Facette davon erforschen. Ich hatte das Gefühl, dass wenn ich meine Outtakes im Garten kompostieren würde – und den Film sozusagen in mich aufnehmen, ihn verdauen könnte – ich dann gewissermaßen Teil des Films werden könnte.

Interview: Robert Weixlbaumer

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