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Sam Raimi über „Die fantastische Welt von Oz“

Die fantastische Welt von Oz

Sam Raimi seufzt aus tiefstem Herzen, und man bereut fast, ihn befragt zu haben nach den Raleigh Studios in Michigan. Ein mächtiger, bundesstaatlich geförderter Atelierkomplex, der Großproduktionen aus Hollywood in die darbende Region locken sollte. Schwergewichte wie den 200-Millionen-Dollar-Film „Die fantastische Reise nach Oz“, den Raimi sechs Monate lang ohne einzigen Location-Tag in den Studios nahe des Nestes Pontiac inszenierte. Enthusiastisch pries der Regisseur damals am Set die Arbeitsbedingungen – persönlich motiviert auch durch die Nähe zu eigenen Wurzeln. Eine Stunde entfernt nur wuchs Raimi auf, manchmal besucht er noch sein Elternhaus, in dem er als Teenager schon „The Evil Dead“ austüftelte. Schaut man ihm zu, wenn er auf drei Bühnen parallel inszeniert und wie ein Kind selbst in Rollen schlüpft, um staunende Stars zu motivieren, dann ist Raimis Herzensnähe zum Projekt zum Greifen spürbar.
Ein Jahr später treffen wir ihn in Los Angeles erneut, und er hat schlechte Nachrichten. Die Hoffnungen auf eine florierende Filmbranche im rezessionsgeschüttelten Michigan haben sich nicht erfüllt, mit der letzten Klappe für „Oz“ fiel auch die Entscheidung für die Schließung des Studios. Andere Länder bieten auch schöne Hallen und derzeit bessere Fördermodelle – ein Regisseur wie Raimi hat letztlich wenig Einfluss, wo der Wanderzirkus Hollywood die Zelte aufschlägt.
Die fantastische Welt von OzZumal die Auswahlmöglichkeiten für Regisseure in der Blockbuster-Liga zunehmend auch bei den Stoffen begrenzt sind. Superhelden-Serien, Franchises, Fortsetzungen – längst hat die Branche als Rezept gegen Downloads und DVD-Niedergang ein Netz von ultrateuren Eventfilmen programmiert, das ganzjährig die Dominanz der Leinwand ausspielt. Seit dem Überraschungserfolg von Tim Burtons „Alice im Wunderland“, der 2010 über eine Milliarde Dollar einspielte, hat sich zudem der fette Märchenfilm für die ganze Familie als erstaunlich sichere Bank der Studios erwiesen.
„Die fantastische Welt von Oz“ ist produziert vom früheren Disney-Chef Joe Roth, der schon für „Alice im Wunderland“ und „Snow White and the Huntsman“ verantwortlich war. Gerade hat er „Maleficent“ (basierend auf „Dornröschen“) mit Angelina Jolie abgedreht, derzeit sitzt er mit Burton in Meetings zu „Pinocchio“. Anders als die Verfilmungen von populären Geschichten der Gebrüder Grimm aber basiert Raimis Film auf weithin unbekannten Werken von Kinderbuchautor L. Frank Baum, dessen Roman „The Wonderful Wizard of Oz“ einst die Vorlage für „Der Zauberer von Oz“ (1939) bildete. 13 Fortsetzungen schrieb Baum, inzwischen sind die Bücher „in public domain“, verfilmbar ohne Erwerb lästiger Rechte. Trotzdem war es bei der Produktion von „Die fantastische Welt von Oz“ stets eine heikle Gratwanderung, die „Oz“-Welt nun für Disney zu erschaffen, ohne Trademarks aus dem alten Warner-Film zu verletzen. Kurzzeitig tauschten Anwälte erhitzte Briefe – sind doch etwa Judy Garlands rote Glitzerschuhe aus dem Original-„Oz“ ikonisch wie eine Colaflasche.
„Ich kann ohne Übertreibung sagen, dass ‚Der Zauberer von Oz‘ der einflussreichste Film meines Lebens war und ich alles tue, um ihm den gebührenden Respekt zu erweisen“, betont Raimi und tut sich schwer mit einer Einordnung seines Projekts. Eine Referenz, gewiss. Sicher aber keine Fortsetzung, eher Vorgeschichte, kompiliert aus Elementen der Romane. Was Regisseure halt so herumdrucksen, wenn sie vertrautes Material in neues Licht setzen müssen.
Die fantastische Welt von OzDenn unabhängig vom Vergleich mit dem ersten Filmtrip nach Oz wimmelt es natürlich auch in Raimis Film von Hexen, Schlössern und bewährten Genreelementen, wenn sich statt der legendären Dorothy nun ein Jahrmarktzauberer (James Franco) in einer Fantasy-Welt verliert – zu schaffen heuer nur mit Bombastbühnen und endlos digitaler Bearbeitung. Als Wirtschaftsfaktor hat der moderne Märchenfilm im Gewande des Spektakels eine solche Kraft erlangt – Franchises sind grundsätzlich geplant –, dass zunehmend auch arrivierte Regisseure nicht an Kindern als Zielgruppe vorbeikommen. Und sei es, weil grünes Licht für andere Wunschprojekte ungleich schwerer zu bekommen ist.
Raimi wollte ursprünglich ja einen „erwachsenen“ Abschluss seiner „Spiderman“-Serie drehen, bevor sich das Studio für den jugendlichen Neustart entschied. Die Enttäuschung sitzt noch heute – aber ähnlich emphatisch, wie er sich einst mit Peter Parker zu identifizieren pflegte, spricht Raimi nun über seinen speziellen „Oz“, den Zauber-Hallodri, nach dem das Land benannt wird im Film. Aus der Perspektive eines staunenden Weltenentdeckers geht Raimi die Reise an, auch was die technischen Herausforderungen durch das 3D-Format angeht. Dabei nutzt Raimi das „Oz“-Ticket als Freifahrtschein für seine Fantasie und Detailfreude. Doch er wirkt auch erschöpft nach diesem Kommando, das Jahre seines Lebens verschlang. Lauert im Hinterkopf doch trotz aller Freiheiten auch das Wissen: Ein Erfolgsrezept in Hollywood funktioniert meist nur so lange, bis es unweigerlich jemand spektakulär gegen die Wand fährt.

Text: Roland Huschke

Fotos: Disney Enterprises, Inc.

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