Drama

„Scarred Hearts – Vernarbte Herzen“

Der Geist der Epoche: Scarred Hearts – Vernarbte Herzen führt in die 1930er

Foto: Real Fiction/ Silviu Ghetie

Der rumänische Schriftsteller Max Blecher ist heute nur noch Insidern ein Begriff. Dabei zählt er zu den bedeutenden europäischen Vertretern einer Epoche, die man ein wenig missverständlich als Dekadenz bezeichnen könnte. Radu Jude, unter den großen Filmemachern des Landes derjenige, der sich am meisten für historische Stoffe interessiert („Aferim!“), hat das Werk von Blecher ausgegraben und es in einen eigenwilligen Kostümfilm übertragen.
Das wichtigste Kostüm ist nämlich der Gips. Emmanuel, ein junger Jude aus reichem Haus, kommt Mitte der 1930er-Jahre in ein Sana­torium am Schwarzen Meer. Er wird, wie es sich für ein „Zauberberg“-Pendant gehört, von dieser fremden, seltsamen und dekadenten Welt aufgesogen. Während er seine Zeit mit philosophierenden Dialogen, erotischen Abenteuern und Untersuchungen seiner raren Knochenkrankheit zubringt, setzt sich in Rumänien der Faschismus durch. Judes vermitteltes Interesse: Dekadenz wäre hier das Versäumnis der Geschichte, weil man zu sehr mit ­einer Ästhetisierung des Lebens beschäftigt ist. Ein artifizieller Film, der aber den Geist der Epoche, soweit er sich aus Büchern rekonstruieren lässt, sehr gut ­heraufbeschwört.

Scarred Hearts ROM 2016, 141 Min., R: Radu Jude, D: Lucian Teodor Rus, Ivana Mladenovic, Serban Pavlu, Start: 9.2.

Bewertungspunkte2

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