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„Schilf – Alles, was denkbar ist, exisitert“ im Kino

Schilf

Eines der Probleme der Darstellung von Quantenphysik liegt darin, dass ihre Thesen die Grenzen der Vorstellbarkeit überschreiten. Das Kino geht aber nun allein aufgrund seiner medialen Qualität von einer Zeigbarkeit der Verhältnisse aus. Diese Grundspannung könnte in der filmischen Adaption von Juli Zehs Bestseller „Schilf“ eine besondere Zuspitzung gegenüber dem Roman ermöglichen. Denn im Kino werden die Paralleluniversen erlebbar, über deren Existenz sich die beiden Physiker Sebastian und Oskar heftige Debatten liefern. Während ihrer Studienzeit waren die beiden Herzensfreunde, doch seitdem sich Sebastian mit seiner Familie als Physikprofessor in Jena niedergelassen hat, ist es zu einer Entfernung zwischen den Freunden gekommen, die vor allem Oskar schmerzt, der inzwischen als Forscher am noblen Genfer CERN arbeitet. So schwingt immer ein emotionaler Unterton mit in ihren Streitgesprächen über die Viele-Welten-Theorie, die Sebastian zu beweisen versucht und die von Oskar für populärwissenschaftlichen Humbug und zudem für ethisch riskant gehalten wird. Wenn alles, was möglich ist, passiert, gibt es weder einen freien Willen noch Verantwortung.
Als plötzlich Sebastians Sohn Nick aus dem Pfadfinderlager entführt wird, scheint die eine Wirklichkeit mit Macht auf ihr Recht zu pochen. Doch gerade, als Sebastian den grausamen Zwang der Verhältnisse zu akzeptieren beginnt, verlieren diese ihre Solidität. Gegen die allgemeine Verunsicherung sind die beiden Hauptrollen auf maximalen Kontrast hin besetzt: Mark Waschke gibt den blonden Jungprofessor als verspielten Träumer; und Stipe Erceg leistet eine filmische Ehrenrettung der sonst nicht gerade als besonders weltgewandt bekannten Figur des Physikers und spielt seinen Oskar als verdammt coolen Hund. Doch leider nähert sich Claudia Lehmanns Verfilmung dem Spiel mit den Möglichkeiten allzu vorsichtig. Wo Juli Zehs Roman sein abstraktes Thema mit unbedingtem Kunstwillen durch einen motivischen Hindernisparcours scheucht, meditiert der Film über den Realitätsgehalt der sommerlichen Natur, sucht im Lichteffekt Indizien für ihre ontologische Zuverlässigkeit. Der Film hält sich raus und versteckt sich über weite Strecken hinter Psychologismen; erst das überraschende Ende macht deutlich, dass hier wohl ein ergebnisoffenes Vexierspiel gemeint war.

Text: Stella Donata Haag

Foto: X-Verleih

tip-Bewertung: Zwiespältig

Orte und Zeiten: „Schilf – Alles, was denkbar ist, existiert“ im Kino in Berlin

Schilf – Alles, was denkbar ist, existiert, Deutschland 2012; Regie: Claudia Lehmann; Darsteller: Mark Waschke (Sebastian Wittich), Stipe Erceg (Oskar Hoyer), Bernadette Heerwagen (Maike Wittich); 90 Minuten; FSK 12

Kinostart: 8. März

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