Kino & Stream

„Schlafkrankheit“ im Kino

Schlafkrankheit

In Kamerun ist die Epidemie der Schlafkrankheit vorläufig besiegt, dem deutschen Arzt Ebbo Velten (Pierre Bokma) kommen die Patienten abhanden. Aber der Mann mit dem leichten Wohlstandsspeck ist an die Annehmlichkeiten des privilegierten Landlebens in der Klinik gewöhnt. Nicht einmal die Liebe zu seiner Frau (Jenny Schily) kann den Arzt zur Rückkehr in die hessische Provinz bewegen.
Ulrich Köhler, der den Silbernen Bären der Berlinale 2011 für die beste Regie gewann, bleibt auch in „Schlafkrankheit“ seiner Stärke treu, lakonisch beiläufig von ambivalenten Befindlichkeiten hinter der coolen Fassade einer scheinbar abgesicherten Existenz zu erzählen. Wie die Protagonisten in „Bungalow“ und „Montags kommen die Fenster“ gerät auch Ebbo ins Driften, weicht dem großen Drama aus, vermeidet den offenen Konflikt. Ulrich Köhlers Blick für trotzige Verlierer, mit dem er innerhalb der sogenannten Berliner Schule einen eigenen Stil prägte, überträgt sich mit subtiler Komik auch auf sein zum Teil autobiografisches Sujet in „Schlafkrankheit“. Als Kind lebte er mit seinen Eltern in Zaire, wo der Vater als Arzt und Entwicklungshelfer arbeitete.
„Schlafkrankheit“ erzählt, wie der dysfunktional gewordene Seuchenbekämpfer durch die klugen Einsprüche seiner Frau und die blasierte Ablehnung seiner aus Deutschland angereisten Teenager-Tochter zu schwanken beginnt und die Loslösung vom Lebensstil in Kamerun nicht schafft. In einem zweiten Teil, drei Jahre nach Ebbos Entscheidung zu bleiben, soll ihm ein Gutachter der WHO (Jean-Pierre Folly) die Entscheidung zur Rückkehr abnehmen und ihn aus der zunehmenden Verstrickung in Erwartungen seiner neuen afrikanischen Familie befreien. Alex, der elegante, eloquente, schwule Europäer mit kongolesischen Wurzeln, ist wie Ebbo ein heimatloser Fremder. Distanziert erkundet er die heruntergekommene Klinik, wird stellvertretend sogar zu einer Not-OP genötigt, die Ebbos Aufgabe gewesen wäre. Beiläufig subtil spiegeln die Charaktere einander, verschränken sich die Absurditäten der Entwicklungshilfe in „Schlafkrankheit“ zu einer Irrfahrt, die Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ anders und neu erzählt.

Text: Claudia Lenssen

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Schlafkrankheit“ im Kino in Berlin

Schlafkrankheit, Deutschland/Frankreich/Niederlande 2011; Regie: Ulrich Köhler; Darsteller: Pierre Bokma (Ebbo Velten), Jean-Christophe Folly (Alex Nzila), Jenny Schily (Vera Velten); 91 Minuten; FSK 6

Kinostart: 23. Juni

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Regisseur Ulrich Köhler

Mehr über Cookies erfahren