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„Schwarzer Ozean“ im Kino

Schwarzer Ozean

Sehr lange lässt Marion Hänsels Film den Zuschauer im Unklaren, wovon er handelt. Auf den Gesichtern der jungen Matrosen, die 1972 auf einem Kriegsschiff der französischen Marine ihren Militärdienst ableisten, liegt währenddessen eine bedrückende Schwere, ein unausgesprochener psychischer Druck. Den zu erklären, verweigert der Film bewusst.
Das Schiff ist auf dem Weg in den südlichen Pazifik, aber erst gegen Ende erfährt man dessen eigentliches Ziel, wenn wie aus heiterem Himmel gleißend blendendes Licht den Film erfüllt: das Bild eines explodierenden Atompilzes von erhaben sprachlos machendem Schrecken, der von Bord aus am Meereshorizont zu beobachten ist. Die zwischen 1966 und 1995 von Frankreich im Pazifischen Ozean durchgeführten Atomtests bilden den zeitgeschichtlichen Hintergrund des Films der aus Belgien stammenden Regisseurin. Die Adoleszenzgeschichte, die vor dem Rahmen dieser Passage zur Explosion erzählt wird, beruht auf zwei autobiographischen Erzählungen des französischen Schriftstellers Hubert Mingarelli.
„Noir ocйan“ erzählt in langsamem Tempo ein Coming-of-Age, das fast vollständig an Bord des Schiffes und seiner hierarchisch organisierten Besatzung spielt. Die wiederkehrenden Routinen von militärischem Drill, einsamen Nachtwachen und kärglichen Freizeitbeschäftigungen bilden den Hintergrund der Geschichte. Aus der hermetischen Gruppe schält Hänsels ruhig-fragmentarische, konfliktscheue Erzählweise nach und nach zwei Matrosen als Protagonisten heraus. Der zurückhaltende Massina (Nicolas Robin) gibt dem Film dabei mit seinem vorsichtig tastenden Blick eine Perspektive, die sich vor allem auf Moriaty (Adrien Jolivet) richtet. Moriaty hält sich stolz und angewidert wirkend abseits der Machtkämpfe und infantilen Übertretungsversuche der anderen. Gerade deswegen kann die Kamera seinen schönen muskulösen Körper und seinen melancholisch in die Ferne gerichteten Blick immer wieder in einzelnen Einstellungen vor dem weitem Horizont des Meeres erfassen – und dabei auch ein homo-erotisches Begehren Massinas implizieren, dessen angedeutete Anspannung sich im Lauf des Films aber nicht entladen wird.
Diese ausbleibenden Entladungen haben Methode. Hänsels Film verweigert sich mit seiner gleichmütigen, bald schon manieriert wirkenden Inszenierungsweise psychologischen Erklärungsweisen oder konflikthaften Zuspitzungen. Statt präziser szenischer Artikulation der angedeuteten Hintergrundspannungen setzt sie auf Ungefähres und Unerklärtes, lässt dabei aber bald schon eine Intensität des Blicks vermissen, die man in Filmen mit ähnlichen Sujets, beispielsweise Claire Denis‘ „Beau travail“, erfahren konnte.

Text: Michael Baute

Foto: Salzgeber

tip-Bewertung: Uninteressant

Orte und Zeiten: „Schwarzer Ozean“ im Kino in Berlin

Schwarzer Ozean (Noir Ocйan),  Belgien/Frankreich/Deutschland 2011; Regie: Marion Hänsel; Darsteller: Nicolas Robin (Massina), Adrien Jolivet (Moriaty), Romain David (Da Maggio); 88 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 7. Juni

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