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Sebastian Schipper im Gespräch über „Mitte Ende August“

Sebastian SchipperMarie Bäumer und Milan Peschel renovieren ein altes Sommerhaus auf dem Land, aber im Idyll kündigt sich auch schon eine Beziehungskrise von klassischem Format an.

tip Herr Schipper, die „Wahlverwandtschaften“ sind genau 200 Jahre alt, doch schon damals wurde von Goethe die Liebe als etwas abgebildet, das schwierig ist. War diese Modernität ein Grund, das Buch zu adaptieren?
Sebastian Schipper Das Buch und mein Film fangen mit dem Ende jeder klassischen Beziehung an: Sie haben sich. Und dann? Dazu kam noch, dass ich diese unglaubliche Feinheit und diese hohe Strukturierung toll fand. Diesen wachen, hochinteressierten Blick auf Details, davon war ich ganz überrascht. Ich war Goethe vorher ge­genüber eher mürrisch eingestellt.

tip Goethe selbst hat sich in zu junge Frauen verliebt, solche wie Augustine. Die stand ja im Original für ein Mädchen, das Unschuld ausstrahlt und von der alle Männer begeistert sind. Auch in Ihrem Film erliegen zumindest Hannas Vater und auch Thomas ihrem Charme.
Schipper Bei meinem Film sollte es aber ein wenig anders sein als bei Goethe – ich wollte ganz klar, dass die ältere Frau ohne Wenn und Aber die attraktivere der beiden ist. Augustine ist noch ein bisschen Backfisch. Die Situation katapultiert sich dann trotzdem in eine klassische „Typ nimmt sich junge Frau“-Reaktion, die aber aus Trotz resultiert, Thomas fühlt sich gekränkt und verarscht. Ich finde den wortlosen Flirt zwischen Hanna und Friedrich viel gefährlicher, denn das ist eine echte Option, die beiden verstehen sich wirklich, Thomas würde niemals sein Leben aufgeben für Augustine, aber für Hanna ist das, und sei es nur für den Bruchteil einer Sekunde, ein extrem verwirrender Gedanke, Thomas für Friedrich zu verlassen. Sie merkt auf einmal, dass ein ruhiger, verantwortungsvoller Erwachsener auch eine große Ausstrahlung hat.

tip Was zieht die Protagonisten in Ihrem Film aneinander an?
Schipper Ich glaube, sie finden beide das Haus toll, das Chaos, auf einer Luftmatratze zu schlafen, alles selber zu machen, auch mal drei Wochen kalt zu duschen, vorm Einschlafen zu lesen. Trotzdem sind die beiden sehr unterschiedlich. Hanna, die Figur von Marie Bäumer, braucht die Lebendigkeit von Thomas, der Figur von Milan Peschel. Weil sie ganz viel Verantwortungsgefühl, Größe und Weitsicht hat, auf der anderen Seite ist sie aber grüblerisch, depressiv. Diese Überagilität von Thomas ist wichtig, der reißt sie mit. Er wiederum braucht den Halt, sonst würde er herumfliegen wie ein Ballon, aus dem die Luft entweicht.

tip Aber angeblich passen doch gerade die Paare zusammen, die sich ähnlich sind.
Schipper Vielleicht gibt es da keine Regel. Ich persönlich kann es mir auch nicht vorstellen, dass meine Frau nichts von dem mag, was ich gern esse, mit meinen Lieblingsfilmen nichts anfangen kann und umgekehrt. Ich brauche ein bestimmtes ähnliches Empfindungs- und Bewertungssystem – dass man die gleichen Leute mag, die gleiche Musik. Aber auf der anderen Seite würde es mir furchtbar auf den Keks gehen, wenn jemand genau das gleiche Wesen hätte wie ich.

tip Das Spiel wird eine Generation höher noch einmal variiert: Thomas trifft da auf Hannas unromantischen Vater, aber die beiden sind einander auch ähnlich.
Schipper Ja, in ihrer Art, sie sind Angeber, aber auch Lustmenschen, immer ein bisschen „larger than life“ unterwegs. Ich mag diese Großmäuler. Der Vater glaubt zwar nicht an die romantische Liebe, aber so, wie er es vorlebt, will man ja auch nicht unbedingt leben. Das finde ich relativ trist.

tip Thomas und Hanna reagieren ganz unterschiedlich auf Liebeskummer – er trinkt den ganzen Tag und benimmt sich kindisch, sie bleibt nüchtern. Kennen Sie solche Reaktionen von Männern und Frauen?
Schipper Es war bei diesem Film das erste Mal so, dass ich wirklich alle Figuren war, inklusive der russischen Geliebten des Vaters, die ich auch gut verstehen kann. Das deutlichste Alter Ego war jedoch die Figur von Marie Bäumer, die war mir am nächsten, mit der konnte ich am ehesten verbalisieren, woran ich glaube. Ich glaube insofern zwar daran, dass Männer und Frauen unterschiedlich mit Problemen umgehen, aber das verändert sich ständig, ist permanent im Diskurs, und es gibt auch männliche Frauen und weibliche Typen. Ich glaube, so ein männlicher Rück­zug in die Jungenhaftigkeit ist typisch für Söhne von alleinerziehenden Müttern, wo der dominante, autoritäre, starke Mann abgelehnt wurde. Und bei vielen Männern könnte so etwas eine unbewusste Reaktion darauf sein, nicht mehr der Vater zu sein, der rummotzt, sondern sich regressiv zu verhalten. Solche klassisch autoritären Männer kenne ich gar nicht mehr. Dieser jungenhafte Gestus ist viel evidenter für meine Generation.

Interview: Jenni Zylka

Foto: Harry Schnitger/tip 

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