• Kino & Stream
  • Selbstmord als Waffe: „Hunger“ im Kino in Berlin

Kino & Stream

Selbstmord als Waffe: „Hunger“ im Kino in Berlin

Bereits im Vorfeld der Filmfestspiele in Cannes 2008 erregte Steve McQueens Spielfilmdebüt „Hunger“ Aufsehen, provozierte entrüstete Kommentare. Damit war zu rechnen: Schließlich behandelt der Film die letzten Wochen im Leben des IRA-Kämpfers Bobby Sands, der – zu 14 Jahren Haft verurteilt – im Frühling 1981 an den Folgen seines 66 Tage währenden Hungerstreiks in den berüchtigten H-Blocks des nord­irischen Maze Prison starb; weitere neun Häftlinge folgten ihm in den folgenden Monaten in den Tod. Was hatte McQueen mit dieser Geschichte vor? Wollte er einen Ex-Terroristen als politischen Märtyrer rehabilitieren?
Es sind in erster Linie seine Filminstallationen, die den Lon­do­ner Steve McQueen, geboren 1969, berühmt gemacht haben. McQueens Karriere verlief steil: 1999 wurde er mit dem Turner Prize ausgezeichnet, 2002 nahm er an der documenta XI teil, derzeit bespielt er bei der Biennale in den venezianischen Giardini den britischen Pavillon. Das Kino ist ihm jedoch zu nah, um es nur auf der musealen Metaebene verhandeln zu wollen.
Um simplen Heroismus ist es McQueen und seinem Koautor, dem irischen Dramatiker Enda Walsh, offensichtlich nicht zu tun: Es sei vielmehr darum gegangen, eine Debatte zu provozieren, sagt McQueen – und „unser aller Moral herauszufordern“. In seinem Haupt­darsteller hat er einen starken Verbündeten: Michael Fassbender spielt Bobby Sands, den eloquenten Unterhaus-Abgeordneten, der vom Hochsicherheitsgefängnis aus agitiert, als einen Politiker, der seine Überzeugungen rück­haltlos auch gegen sich selbst zu verteidigen bereit ist. McQueen zeigt die Ereignisse nicht nur aus Sands’ Sicht: Er verschweigt nicht, wie der Krieg auch die Gegenseite erfasst und vernichtet. „Hunger“ ist kein pathetischer Abgesang auf die Irisch-Republikanische Armee, sondern eine veritable politische Elegie, deren Thema auch die körperlichen Nebenwirkungen blinden Ideologievertrauens ist.
Insgesamt wirkt „Hunger“, in Cannes als bestes Debüt ausgezeichnet, eher spröde, in seiner Fotografie sogar seltsam kalt – aber auf Hintergründigkeit legt es McQueen nicht an. Es ist symptomatisch, dass in der entscheidenden und bei Weitem längsten Szene des Films, die Sands im Streitgespräch mit einem Vertrauten, einem katholischen Priester, zeigt, die Moraldebatte stellvertretend für den Zuschauer geführt wird. Welchen Wert hat ein Leben? Mehr oder weniger als eine Idee? Nur wer am Leben ist, kann kämpfen, argumentiert der Geistliche; wer sich selbst opfert, nimmt sich kampflos aus dem Spiel. Sands hält seine Geschichte, sein Charisma dagegen, bringt den Priester zum Schweigen.
„Hunger“ wirft, in seiner Form mehr noch als in seiner Story, komplexe Fragen auf: Kann man, soll man einen realen Todesfall derart ästhetisieren? Unter falsch verstandener Bescheidenheit leidet McQueen nicht: Er denkt da an Velбzquez und Goya – Attraktion und Ekel seien nah verwandt und provozierten eben Auseinan­dersetzung. Und „Hunger“ ist alles andere als ein Werk der politischen Korrektheit: McQueen konzentriert sich auf die schmale his­torische Episode, die Sands’ Tod markiert, die spätere Ent­wicklung der IRA thematisiert er sehr os­ten­tativ nicht. Analogien zur Ge­genwart zieht er aber doch: Auf Abu-Ghraib und Guantбnamo Bay spielt er assoziativ mehrmals an.
Gegen Ende der Arbeit hört man Margaret Thatchers Stimme, deren arroganter Tonfall eine Kamerafahrt über den dreckigen Gefängniskorridor begleitet: Er ist bedeckt vom Urin der streikenden Gefangenen. Die Sequenz ist ebenso sarkastisch wie sachlich, Agitation und Faktizität werden deckungsgleich. Die Politik greift ganz direkt ins Körperliche ein. Die Geschichte kann das bezeugen.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Hunger“ im Kino in Berlin

Hunger, Großbritannien 2008; Regie: Steve McQueen; Darsteller: Michael Fassbender (Bobby Sands), Liam Cunningham (Father Moran), Stuart Graham (Ray Lohan); Farbe, 96 Minuten

Kinostart: 13. August

Mehr über Cookies erfahren