Kino & Stream

„A Serious Man“ von den Coen-Brüdern im Kino

Wenn der Dibbuk zweimal klopft, ist der eheliche Frieden schnell beim Teufel. Mit einem historischen Minidrama aus dem sprichwörtlichen Schtetl geht dieser Film ins Rennen – in jiddischer Originalfassung und historischen Kostümen. Aber das ist nur die erste falsche Fährte; durch einen Zeittunnel gelangt man flugs ins Jahr 1967, in den tristen Alltag des motivationsgehemmten Universitätsprofessors Larry Gopnik (Michael Stuhlbarg), der gerade die Welt nicht mehr versteht. Joel und Ethan Coen aus Minnesota absolvieren mit „A Serious Man“ ein Heimspiel: eine Durchleuchtung des sozialen Klimas ihrer Kindheit, der jüdisch-amerikanischen Identität im suburbanen Mittelwesten.
Der perplexe Larry sieht sich mit ein paar Problemen konfrontiert, die ungünstigerweise alle zugleich auftauchen: Seine Frau (Sari Lennick) teilt ihm ungerührt mit, dass sie sich scheiden lassen will; sein Bruder (Richard Kind) okkupiert täglich stundenlang das Familienbadezimmer, weil er irgendwelche Geschwüre am Rücken behandeln muss; und ein Student kompromittiert Larry, um nicht durchzufallen, mit Bestechungsgeld. Larrys bester Freund: der Geliebte seiner Frau. Der Nachbar: Antisemit und Redneck. Larry gerät in eine Sinnkrise: Er weiß nicht mehr, wie er auf die Verstörungen, die ihm das Leben bietet, reagieren soll. Er sucht Rat bei den Rabbinern, aber die sind entweder Dampfplauderer oder so legendär, dass er an sie nicht herankommt. Es folgt eine veritable psychische Implosion in Zeitlupe.
Auf die Kontroversen, die „A Serious Man“ unter US-Kritikern entfacht hat – die New Yorker „Village Voice“ ging sogar so weit, den Filmemachern offenen jüdischen Selbsthass zu unterstellen –, legen die Coen-Brüder sichtlich Wert: Ihre hochgiftigen Religions- und Gesellschaftsporträts demonstrieren, dass sie die Prinzipien des jüdischen Humors viel radikaler fassen als Mainstream-Spaßmacher wie Woody Allen. Als Meister des komischen Timings muss man Joel und Ethan Coen nicht mehr gesondert würdigen: „A Serious Man“ ist ein tatsächlich verstörender, dabei ganz unernster Film. Das denkwürdige apokalyptische Finale bringt die Grundtöne dieser Erzählung, das Alberne und das Existenzielle, in zwei ganz simplen Einstellungen noch einmal zum Schwingen. Kafka ist hier nicht mehr weit.

Text: Stefan Grissemann

tip-Bewertung: Herausragend

Lesen Sie hier: Ein Interview mit den Coen-Brüdern

Orte und Zeiten: „A Serious Man“ im Kino in Berlin

A Serious Man, USA 2009; Regie: Joel und Ethan Coen; Darsteller: Michael Stuhlbarg (Larry Gopnik), Richard Kind (Onkel Arthur), Fred Melamed (Sy Ableman); Farbe, 105 Minuten

Kinostart: 21. Januar

Mehr über Cookies erfahren