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„The Sessions – Wenn Worte berühren“ im Kino

The Sessions - Wenn Worte berühren

Sex mit Schwerstbehinderten ist ein heikles, im Kino schwer zu vermittelndes Thema. In „Hasta la Vista“ wurde es vergangenes Jahr unterhaltsam als tragikomisches Roadmovie auf die Leinwand gebracht. In „The Sessions“ wird es nun spannend, zutiefst menschlich und nachdenklich stimmend in Form einer sehr intimen Therapiestudie behandelt. Unsentimental und ohne Peinlichkeiten – vor allem dank des psychologisch stimmigen, präzise strukturierten Drehbuchs von Ben Lewin sowie der natürlich und souverän agierenden Helen Hunt, die als geduldige, einfühlsame Sex-Therapeutin Cheryl eine schauspielerisch höchst anspruchsvolle Glanzleistung vollbringt. William H. Macy in der Rolle eines Priesters, der als Vertrauensperson und Freund des Kranken das Für und Wider von bezahltem Sex zur Triebbefriedigung aus Sicht der katholischen Kirche abwägen muss, sorgt für einige mild humorvolle Momente im Film.
Mark O’Brian ist von Hals bis Fuß gelähmt und kann bloß den Kopf bewegen. Er ist zur Atmungserhaltung in einer Eisernen Lunge eingeschlossen, die er nur für wenige Stunden auf einer Liege verlassen kann. Dabei ist die sexuelle Potenz des intelligenten 38-Jährigen voll intakt: Wenn die Pflegerin seine Genitalien wäscht, kommt es zur Erektion, auch zum Samenerguss. Doch Mark möchte wirklichen Geschlechtsverkehr. Er hat genug Geld, um sich die professionelle Hilfe von Cheryl zu leisten. Im problematischen Verlauf der gemeinsamen Sex-Sessions im Motelbett wird bald klar, dass Mark mehr braucht als die Befriedigung seiner Libido: Er sehnt sich nach Liebe.
Man nimmt Anteil an Marks Hilflosigkeit, Hoffnungen und Enttäuschungen, seinem Lampenfieber vor den Sessions. Eingehend charakterisiert, und das verleiht dem Film eine zusätzliche Dimension, wird auch die Therapeutin. Man sieht, wie mühevoll ihre Tätigkeit ist, die sie routiniert verrichtet – bis sie Gefühle für ihren Patienten entwickelt und in einen emotionalen Konflikt gerät. Ein Liebesgedicht von Mark, das Cheryls untätig zu Hause hockender Gatte in der Post findet, entfacht einen Ausbruch von Eifersucht in der schwelenden Ehekrise.

Text: Ralph Umard

Foto: 2012TwentiethCenturyFox

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „The Sessions – Wenn Worte berühren“ im Kino in Berlin

The Sessions, USA 2012; Regie: Ben Lewin; Darsteller: John Hawkes (Mark O’Brien), Helen Hunt (Cheryl Cohen Greene), William H. Macy (Vater Brendan); 96 Minuten; FSK 12

Kinostart: 3. Januar 

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