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Severin Fiala, Veronika Franz und Susanne Wuest im Gespräch

Veronika Franz und Severin Fiala

tip „Ich seh Ich seh“ kombiniert ein ziemlich strenges Konzept mit einem ziemlich fiesen Horror. Von welchem Ende her?
Severin Fiala?Der Ausgangspunkt war Fernsehen.

tip Fernsehen?
Severin Fiala?Ja. Da gibt es so Doku-Soaps, wo sich Frauen komplett durchoperieren lassen.
Veronika Franz „Extrem schön“ heißt das, glaube ich.
Severin Fiala?Da werden Frauen von ihren Familien für zwei Monate getrennt und treffen sie dann wieder auf einem roten Teppich. Das ist als magischer Fernsehmoment gemeint, wenn sie wiedervereinigt werden. Und da stehen halt die Kinder mit dem Papa und warten, dass die Mama zurückkommt, und der Moment ist ganz strahlend, die Musik ganz großartig. Aber in Wirklichkeit, wenn man genau hinschaut, sieht man bei den Kindern immer eine totale Irritation. Weil die Mutter so verändert aussieht. Wir haben sogar mal eine Folge gesehen, wo ein Kind den Papa am Ärmel zupft und sagt: Das ist nicht die Mama.
Veronika Franz?Das weiterzudenken, darum ging es uns. Was ist, wenn es noch andere Indizien gibt, dass das nicht die Mutter ist?

tip Im Film kommt nicht ganz deutlich heraus, ob es sich um eine Schönheitsoperation oder vielleicht doch auch um einen Unfall mit anschließendem plastisch-chirurgischen Einsatz handeln könnte. Oder ist das im Grunde egal?
Veronika Franz Wir sind davon ausgegangen, dass es eine Schönheitsoperation ist. Aber der Film lässt auch eine andere Interpretation zu. Ich denke, das macht keinen Unterschied. Ich finde es aber interessant, dass Menschen das wissen wollen. Das ist so eine moralische Frage. Aber für eine Fernsehmoderatorin wie die im Film ist es keine moralische Frage. In diesem Beruf muss man einiges tun, um jung und schön und fit bleiben.

Susanne Wuesttip Was haben Sie sich denn vorgestellt, Frau Wuest?
Susanne Wuest?Ich habe mir gedacht, was sie macht, ist die radikalisierte Form eines neuen Haarschnitts. Als würde sie die letzten Jahre aus ihrem Gesicht wischen, mit aller Konsequenz. Sie macht eine Tabula rasa, aber es ist eher etwas Psychisches als etwas Körperliches.

tip Und warum ist sie dabei so übel gelaunt?
Susanne Wuest?Sie ist nicht übel gelaunt. Ich glaube, das kann jeder nachvollziehen, der jemals in seinem Leben in einer Krisensituation war, wo man sagt: Aus, es reicht, ich möchte mich jetzt um mich kümmern, jetzt komm ich an allererster Stelle und der Rest meiner Umgebung ist erwachsen genug, um damit  umgehen zu können.
Severin Fiala?Ich glaube, „erwachsen genug“ ist genau das richtige Stichwort. Weil gerade die erste Hälfte des Films sehr aus der Perspektive der Kinder erzählt wird. Und die erleben etwas völlig anderes. Für sie ist es einfach die Sicht auf eine völlig veränderte, monströse Mutter.
Veronika Franz?Die ist so übel gelaunt, weil sie, wenn sie das Zimmer zumacht, vielleicht gar nicht so übel gelaunt ist, sondern sich mit sich selbst beschäftigt. Aber in den Augen der Kinder ist sie es. Es ist also das Bild, das die Kinder sehen. Und das der Zuschauer sieht, gemeinsam mit den Kindern.

Veronika Franz und Severin Fialatip Die Frau wirkt auch auf uns unzugänglich.
Susanne Wuest?Was ich auch so spannend finde, ist der Moment, in dem man nicht mehr die Rolle spielt, die die Umgebung von einem erwartet. Diese Frau, die zurückkommt, und sich nicht mehr in der Mutterrolle präsentiert, sondern als eine erwachsene Frau. Und schon wird sie von den Kindern nicht mehr als Mutter wahrgenommen und infrage gestellt.
Veronika Franz Obwohl wir im Film ja lange die Frage stellen, ob sie überhaupt die Mutter ist oder nicht. Das ist so eine Urfrage, ehrlich gesagt. Viele Kinder fragen sich das irgendwann. Und wenn Erwachsene dann kleine äußerliche Veränderungen durchmachen, sei es nur, der Opa lässt sich den Bart abrasieren, gibt es wirklich viele Kinder, die ganz schockiert reagieren und dann mal drei Tage nichts mit dem zu tun haben wollen. Die Sicht der Kinder auf die Welt ist einfach eine andere. Und um diese Kollision geht es auch im Film: die Kollision zweier Perspektiven.

tip Verbünden Sie das Publikum mit den Kindern gegen die Mutter?
Veronika Franz?Ich glaube, was die Leute so beschäftigt, ist dieses Mutterbild. Da gibt es offenbar das Bild der allesliebenden Mutter und derer Kinder, die ihr jedes Jahr ein Geschenk zum Muttertag machen. Ich hasse den Muttertag.
Susanne Wuest?Furchtbar.
Veronika Franz?Das Bild dieser heilen Mutter, die dann auch alles weiß und für jeden Schmerz ein Pflaster hat. Das ist ein unglaublich konservatives Bild.

Ich seh ich sehtip Der Film beginnt mit einem Ausschnitt der „Trapp-Familie“, in dem Mutter Maria, gespielt von Ruth Leuwerik, gemeinsam mit den Kindern ein Gute-Nacht-Lied singt. Mehr Heimat-Mythos und 50er-Jahre geht ja fast gar nicht.
Severin Fiala?Das ist genau dieses Bild, um das es geht. Das ist das Bild der archetypischen, perfekten österreichischen Familie. Die stehen da und singen in Dirndl und Lederhosen. Das hat fast etwas von einem Horrorfilm. Aber es ist trotzdem ein Bild, das sich immer noch total viele Leute wünschen und an dem sie festhalten. Aber so ist keine Familie, und das ist keine Realität.
Susanne Wuest Für mich ist das eine totale Horror-Vorstellung, dass die ganze Existenzberechtigung für eine Frau im Aufziehen und Füttern von Kindern liegt und das auch noch in komplett vorgegebenen Mustern.

tip Zu einer perfekten Familie gehört ein perfektes Haus.
Veronika Franz?Wir brauchten ein allein stehendes Haus, damit die Familie auch auf sich selbst zurückgeworfen ist. Wenn es jetzt noch drei Nachbarn daneben gäbe, würde die Geschichte so nicht funktionieren. Außerdem ist das Haus auch ein bisschen das Spiegelbild der Mutter. Weil man aus der Sicht der Kinder ja nicht so viel über die Mutter erzählen konnte, haben wir versucht, das über die Einrichtung des Hauses zu machen: Bilder, die an der Wand hängen, Spiegel.

Ich seh ich sehtip Frau Wuest, waren das auch Punkte, an denen Sie sich orientiert haben?
Susanne Wüst Ich glaube, ich funktioniere als Schauspielerin so nicht. Ich sehe nicht Orientierungspunkte und schau, was ich damit mache. Es ist die Gesamtatmosphäre, die da ist und die man dann aufnimmt. Und die war dem Charakter angemessen beklemmend. Was sich schon allein dadurch ergibt, dass ich durch die Bandagen nur ein begrenztes Sichtfeld hatte und einen ständigen Druck am Kopf. Das ist viel wesentlicher als das was man sieht.
Severin Fiala?Es geht im Film viel um Oberflächen und was darunter liegt. Was ist hinter dem Gesicht, was ist hinter den Masken? Was ist hinter den schönen Oberflächen des Hauses? Das Haus könnte im Grunde auch total sonnendurchflutet sein, wird von der Mutter durch die ganzen Jalousien aber einfach in so ein dunkles Gefängnis verwandelt.

Interview: Carolin Weidner

Fotos von oben nach unten: Ulrich Seidl Film Produktion, Jozo PR (Quelle), Ulrich Seidl Filmproduktion, Koch Media, Koch Media

Lesen Sie hier die Filmkritik: „Ich seh ich seh“ im Kino in Berlin

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