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„Shahada“ im Wettbewerb der Berlinale

Qurbani sieht sich in der „Schuld der Unversehrten“, die Folter, Gefängnis, Verfolgung nur aus Erzählungen kennen. Er setzt bei solchen Erfahrungen einer gespaltenen Identität an, um die heißen Konflikte der Anpassung in der Diaspora in Geschichten zu fassen. „Dieser Assimilationsprozess“, ist Qurbani überzeugt, „ist schwierig, aber er ist real und wird letztlich wirksamer als die Abkehr der Fundamentalisten sein.“
Die „Muslime 2.0“ – auf die Erfindung dieses Begriffs ist Burhan Qurbani besonders stolz – sind sein Thema. Mit ihrem Weg, sich anzupassen, ohne sich zu verlieren, kann er sich identifizieren. Anders als Fatih Akin nimmt er die religiösen Konflikte, die dabei aufbrechen, ernst.
Ging es in „Vögel ohne Beine“ noch um den äußeren Druck sozialer Machtverhältnisse, dringen der Regisseur und sein Koautor Ole Giec im Drehbuch zu „Shahada“ in die dramatischen seelischen Konflikte junger Muslime und Muslimas ein, die sich im Zwiespalt sehen zwischen individueller Entscheidung und traditioneller Gesetzestreue. „Aber nichts liegt mir ferner, als zu missionieren“, meint Qur­bani. Anders als in seiner radikal gläubigen Teenager-Zeit hat er sich durch die Arbeit am Film auch persönlich auf Grenzüberschreitungen eingelassen. Die Geschichten seiner drei Glaubenszweifler in „Shahada“ zu erzählen, hat viele Skrupel in ihm ausgelöst, auf die er sich selbst eine Antwort gibt: „Den eigenen Glauben he­rausfordern, das muss man doch dürfen.“
Bei einer letzten Zigarette erklärt Burhan Qurbani, dass die westliche Liberalität, die den Islam grundsätzlich verdächtigt, selbst manchmal radikale Züge annehme. Und er ist sich sicher: „Bei all dem digitalen Mystizis­mus, der aus den Zahlen 1 und 0 eine alles beherrschende Macht konstruiert, braucht Kultur doch die Nostalgiker, die an der Suche nach Transzendenz festhalten.“

Text: Claudia Lenssen

Shahada (Wettbewerb)
17.2., 16.30, Berlinale-Palast
18.2., 9.30, Friedrichstadtpalast
18.2., 20.00, Urania
21.2., 22.30, International

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