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„Shahada“ im Wettbewerb der Berlinale

Burhan QurbaniErst ein paar Tage hat er das Diplom als Filmregisseur in der Tasche, aber sein Gesellenstück „Shahada“ ist bereits in den Wettbewerb der Berlinale eingeladen worden. Burhan Qur­bani ist nervös, er kann gar nicht anders, als Zigaretten zu drehen und fortwährend zu rauchen.
Der 29-Jährige malt sich aus, wie es beispielsweise sein wird, leibhaftig mit Martin Scorsese und Zhang Yimou zusammenzutreffen. Diese Liga der Berlinale könnte sein Leben verändern, nicht aber seine Vorstellung vom Kino. Konzentriert und entschlossen erzählt er bei unserem Gespräch im Kreuzberger Moviemento-Kino, wie „Shahada“ auf seinen Kurzfilmen beruht, aber mindestens ebenso eine Befreiung davon darstellt. Monologe а la Sarah Kane, autobiografische Abrechnungen, Sozialdramen – all das hat er hinter sich gelassen und stattdessen Krzysztof Kieslowskis Haltung zu dessen Filmen über die Zehn Gebote auf sein eigenes Projekt übertragen: Burhan Qurbani will seinen tragischen Helden „die schlimmsten Krisen nicht ersparen, bevor sie ihren Weg heraus finden“.
Vor fünf Jahren erschien es ihm noch attraktiv, mit Freunden den Pilotfilm „Vögel ohne Beine“ für Pro7 zu entwickeln, in dem eine junge Berliner Türkin unter Druck gerät, weil sie ihre vor der Zwangsheirat flüchtende Freundin versteckt. „Junge Immigranten haben das Problem“, erklärt mir der Regisseur den Witz des Titels, dass sie „nämlich nirgendwo richtig landen können“. Dem Fernsehen war das drastische Kiez-Puzzle am Ende zu radikal – für Qur­bani kein Misserfolg, sondern das Signal zum konsequenten Aufbruch in Richtung Kino.
„Film muss gefährlich sein“, lautet einer der zukunftshung­rigen Sätze, die er an diesem Nachmittag sagt.
„Shahada“ erzählt in verschlungenen Episoden von der dramatisch eskalierenden Beziehung zwischen Maryam (Maryam Zaree) und ihrem Vater, einem liberalen Imam (Vedat Erin­cin), von der verbotenen homosexuellen Liebe des jungen Samir (Jeremias Acheampong) zu seinem Freund und von der Suche des Polizisten Ismail (Carlo Ljubek) nach Trost und Vergebung von der schweren Schuld, eine Frau und ihr ungeborenes Kind angeschossen zu haben.
Die Wege dieser Personen kreuzen sich in der Moschee des Vaters, bei seiner großmütigen und nachsichtigen Auslegung des Korans. Der Ort und die Persönlichkeit dieses Imams stellen so etwas wie Burhan Qurbanis leise Utopie einer lebbaren muslimischen Welt dar – auf die heftigen Diskussionen dieser Metapher ist er gespannt.
Er ist spät auf das Kino gestoßen. Ursprünglich an Literatur und Theater interessiert, half er als Regie-Assistent am Schauspielhaus Stuttgart einem Freund bei dessen Bewerbung für die Filmakademie Ludwigsburg. Zum Spaß versuchte er es selbst und wurde angenommen. Er hat Regisseuren wie Andreas Dresen und Christian Petzold an seiner Hochschule gern über die Schulter geschaut, doch Fatih Akin ist eine Schlüsselfigur für ihn: „Er hat uns Immigrantenkindern die Türen geöffnet.“
Burhan Qurbani ist ein in Deutschland geborener Sohn afghanischer Eltern vom Stamm der Hazara, er zählt Mongolen zu seinen Vorfahren und gehört zur islamisch-schiitischen Gemeinschaft der Ismailiten. Unmittelbar vor dem Einmarsch der Roten Armee floh die Familie, die zur gebildeten Schicht gehörte und politisch aktiv war, nach Deutschland und erhielt Asyl. Durch die Arbeit des Vaters bei der US-Army wuchs Burhan Qurbani an vielen deutschen Orten auf, er ist „mit Amis groß geworden“ und interessiert sich brennend für Barack Oba­ma. Man kann ihn in Debatten über die Afghanistan-Politik und seine Sorge über die mögliche Rückkehr der Taliban verwickeln, doch die Heimat seiner Eltern ist ein heikles Thema.

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