Drama

„Shoplifters“ im Kino

Die Außenseiter­bande Meisterregisseur Hirokazu Kore-eda erweist sich mit „Shoplifters“ – Familienbande erneut als moderner Chronist der japanischen Gesellschaft

Wild Bunch Germany

Das Haus von Oma Shibata liegt versteckt in einer japanischen Großstadt. ­Niemand würde hier Merkwürdiges ­vermuten, alles geht seinen normalen Gang. Morgens verlassen die Leute das Haus, abends kommen sie zurück, es gibt Abendessen, danach strecken sich alle auf ihren ­Futons aus. Oma Shibata ist die Vorsitzende in einer Familie mit drei Generationen.

Die fünfjährige Juri ist die jüngste. Sie lebt allerdings erst seit kurzer Zeit hier. Juri ist ein Findelkind. Man könnte auch sagen: Sie wurde entführt. Osamu, das Familienoberhaupt, und Shota, der zehnjährige Sohn, haben sie einfach mitgenommen, als sie ­ihnen über den Weg lief. Es gab klare ­Anzeichen, dass Juri der Hilfe bedurfte, aber normalerweise ruft man in so einer Situation die Polizei. Stattdessen kümmern sich nun Oma Shibata und die ihren um das Mädchen. Mit den Behörden möchte diese Familie aus guten Gründen nichts zu tun haben. Der wichtigste ist, dass sie keine klassische Familie ist.

Hirokazu Kore-eda erzählt in seinem neuen Film von einer Außenseiterbande, die einer natürlichen Familie zum Verwechseln ähnlich sieht: Der internationale Titel „Shoplifters“ verweist auf eine der Erwerbsquellen. Der deutsche Verleihtitel trifft die Sache sehr genau: „Familienbande“. Diese Familie ist eine Bande von Kleinkriminellen und prekär Beschäftigten, die durch andere Bande verbunden ist als eine klassische Familie mit Vater, Mutter, Kindern und Großeltern.

Ein Grund für den Zusammenhalt liegt paradoxerweise in dem Umstand, dass es in der japanischen Gesellschaft an Zusammenhalt mangelt. Oma Shibata hat ihr Haus für ­anfangs fremde Menschen geöffnet, weil sie „nicht allein sterben“ möchte. Mit der kleinen Juri erreicht die Familienbande ihre ideale Größe. Und zugleich den Punkt, an dem das utopische Modell in Schwierig­keiten gerät.

Denn Juris Verschwinden bleibt natürlich nicht unbemerkt. Ihr Bild wird im Fernsehen gezeigt, irgendwann muss jemand sie erkennen, wenn sie in einem der kleinen Geschäfte das Handwerk des Ladendiebstahls erlernt. Und so wechselt der Film nach der Hälfte die Stimmung: Zuerst ging es darum, die Familie kennenzulernen, allmählich ihre Geschichte zu verstehen, nun geht es darum, wie lange dieses Haus und seine Bewohner unentdeckt bleiben können.
Im Mai wurde Hirokazu Kore-eda beim Filmfestival in Cannes für „Shoplifters“ mit einer „Goldenen Palme“ ausgezeichnet. Der Preis wurde vielfach als überfällige Würdigung eines Filmemachers verstanden, der lange schon zu den Größten im Weltkino gehört. Allerdings hat Hirokazu Kore-eda ein Problem: Seine Arbeiten sind zu diskret, ihre meisterliche Form lässt sich leicht übersehen. Zudem erzählt er häufig von Kindern, sodass man leicht der Meinung verfallen könnte, es mit einem Spezialfall zu tun zu haben, mit Geschichten, die man nicht ganz für voll nehmen muss, weil sie eben häufig die Probleme von Heranwachsenden in den Blick nehmen.

Doch damit würde man Kore-eda gründlich missverstehen. Denn längst ist offensichtlich, dass er mit seinen Filmen an einer Langzeitbeobachtung der japanischen Gesellschaft arbeitet, für die es ein großes Vorbild gibt: Yasujiro Ozu. Der war in den 1950er-Jahren mit seinen Familienfilmen der Chronist ­einer allmählichen Veränderung in Japan, die man als Verwestlichung oder Modernisierung begreifen könnte. Der Kimono und die traditionellen Schuhe der Frauen sind wichtige Requisiten der traditio­nellen ­Lebensform, die bis heute nicht verschwunden ist. Das Haus von Oma ­Shibata ist auch nach traditionellen Prinzipien gebaut.

Die Filme von Ozu bekommt man leicht durcheinander, weil sie einander sehr ähnlich sind. Gerade aus diesem Umstand aber erwächst das Besondere dieses Kinos: Es sucht im Leben nicht das Spektakuläre und Aufregende, sondern lässt das Alltägliche spannend werden.

In Japan sind die Kontraste zwischen ­Hypermoderne und herkömmlicher Kultur noch stärker ausgeprägt als in westlichen Kulturen. So erscheint es zumindest häufig westlichen Besuchern, man denke an Wim Wenders, der Yasujiro Ozu so verehrt, dass er 1985 einen ganzen Film lang nach seinem Vermächtnis gesucht hat: „Tokyo-Ga“.

In einem Film wie „Shoplifters“ werden die Gegensätze zwischen Kimono und Business-Anzug, zwischen bewährten Höflichkeitsregeln und Cybersex aber subtil umgedeutet: Es geht nun gar nicht mehr um alte Werte und neue Lebensformen. Oma ­Shibata ist eine Traditionalistin, aber sie ist auf ihre Weise auch eine Anarchistin. Und so verhält es sich auch mit ihrer Familienbande. Was sich in den früheren Filmen von Hirokazu Kore-eda bereits angedeutet hatte, lässt er hier radikale Konsequenz werden: Die Menschen sind für ihn in erster Linie soziale Wesen, und Gesellschaft hat allein den Zweck, die Freiheiten einzuräumen, dass Menschen sich so zusammenfinden, wie sie einander am besten zu einem gelungenen Leben verhelfen können. Wenn sie dabei eine Bande bilden, dann sollte man sie eigentlich unter Schutz stellen. Oder zumindest mit einem großen Film wie „Shoplifters – ­Familienbande“ würdigen.

Shoplifters J 2018, 121 Min., D: Lily Franky, Kairi Jyo, Miyu Sasaki, Sakura Ando, Start: 27.12.

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