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Berlinale-Gewinner für das Heimkino

Stammheim„Sie haben mich also ein faschistisches Arschloch genannt!“ Der Vorsitzende Richter hält die Beschimpfung durch Andreas Baader noch mal fürs Protokoll fest. Überhaupt muss der Richter im Stammheim-Prozess einiges aushalten, die vier angeklagten RAF-Terroristen sind da durchaus variabel: „alte Sau“, „miese Ratte“, „du Arschloch“ oder etwas höflicher: „“Sie Idiot“. Das Gericht reagiert mit Ordnungsaufrufen, Verwarnungen und Ausschluss der Angeklagten. Es ging hoch her im Prozess gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Auch diese Wortgefechte inszeniert Reinhard Hauff in seinem Gerichts- und Gefängnisfilm „Stammheim“, der auf der Berlinale und beim Kinostart stark angefeindet wurde. Fast alle Dialoge im Film entstammen den Verhandlungsprotokollen oder anderen Aufzeichnungen.


StammheimEs war der spektakulärste Prozess, den die Bundesrepublik erlebt hat. Er begann am 21. Mai 1977, dauerte zwei Jahre und zählte 192 Verhandlungstage. Eigens dafür hatte man neben der Stuttgarter Justizvollzugsanstalt, in der die Angeklagten im siebten Stock untergebracht waren, eine mons­tröse Mehrzweckhalle für zwölf Millionen Mark bauen lassen. Außen waren Stahlnetze über den Bunker gespannt. Innen bildeten acht Meter hohe Betonwände und fanatische Sicherheitsmaßnahmen den Rahmen für den juristischen Showdown, der zum Desaster wurde. Das Gericht versuchte die Fassade eines normalen Strafprozesses aufrechtzuerhalten, die RAF-Führungsebene arbeitete daran, sich als Angeklagte in einem politischen Prozess darzustellen. Die Ideologie-Maschinen liefen auf Hochtouren.
Hauff zeigt Stammheim als große Bühne, auf der sich die Kontrahenten einen unnachgiebigen Stellungskrieg liefern, eine Fortsetzung des bewaffneten Kampfes. Ensslin feuert scharfe Wortsalven ab, das Gericht ist permanent abwehrbereit. „Stammheim“ reflektiert hochkonzentriert das Klima der Bundesrepublik. Auf der einen Seite ein Staat, der völlig überfordert ist und seine Hilflosigkeit in panische Aggressivität umwandelt. Auf der anderen Seite die Staatsgegner, die von einer erbarmungslosen Selbstgerechtigkeit getrieben werden und in ihrer exremen Terrorwelt eingeschlossen sind.


StammheimGanz nebenbei ist „Stammheim“ auch ein herausragender Schauspielerfilm. Als Vorsitzender glänzt Ulrich Pleitgen, die Anklagebank ist besetzt mit dem großartigen Quartett Ulrich Tukur, Therese Affolter, Sabine Wegner und Hans Kremer. Tukur gibt dabei eine höhnisch grinsende Rampensau, die das faschistische Arschloch ganz genüsslich an den Mann bringt.

 

Text: Volker Gunske

Stammheim (tip DVD Kollektion 2) Deutschland 1986; Regie: Reinhard Hauff;?Darsteller: Ulrich Pleitgen (Vorsitzender), Ulrich Tukur (Baader); Farbe, 102 Minuten


Rezension zum Film

Bis Februar 2009 gibt es zur normalen tip-Ausgabe auch den tip mit Berlinale-DVD in limitierter Auflage – erhältlich im gut sortierten Zeitschriften- und Bahnhofsbuchhandel sowie im Sonderhandel für 5,90 Euro.

Ab M 2009 sind die Filme der tip DVD Kollektion in einer Box oder einzeln für 29,90 bzw. 6,99 Euro erhältlich. ?

Bisher erschienene Filme: In This World, Esmas Geheimnis, Music Box, Bloody Sunday

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