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„Shutter Island“ auf der Berlinale – Eine Filmkritik

Das Wasser ist überall, es tropft von der Decke, tobt in Gewitterstürmen über die Insel, umspült den Helden noch in seinen Träumen. Von Anfang an hat FBI-Marshall Teddy Daniels in „Shutter Island“ keinen festen Boden unter den Füßen. Die Grenzen seiner Welt sind gefährlich durchlässig. Martin Scorseses Adaption des Romans von Dennis Lehane ist ein Psychothriller mit düsterem Setting. Grau sind die Himmel über dieser Insel vor der Küste Bostons, unheimlich die psychotischen Rechtsbrecher, die Pfleger und die sinistren Psychiater, die hier im Jahr 1954 einen obskuren Fall zu vertuschen scheinen. Eine Patientin ist aus ihrer Zelle verschwunden, spurlos wie ein Geist, aber beim Versuch den Fall aufzuklären, kommen der selbst von wahnhaften Schüben geplagte Polizist und sein neuer Partner (Mark Ruffalo) nicht weiter.
Scorsese erzählt von ihren Ermittlungen vor dem Hintergrund eines heraufziehenden Hurricanes als zunehmend beschleunigte Alptraumfahrt. Führen die Ärzte hier Menschenversuche im Nazi-Stil durch? Verbirgt sich im Leuchtturm die Aufklärung aller Geheimnisse, der Meistersignifikant, oder doch nur ein weiteres leeres Zimmer?
Inszeniert ist das mit jenem technischen Geschick, das Scorsese immer schon spielerisch zur Verfügung stand und das er hier nun darauf verwendet, jedes seiner Bilder unter Verdacht zu setzen. Rückblenden, Visionen, Traumabilder (die mit ihrem Bezug auf die Befreiung des KZ-Dachau in einem derartigen Thrillerkontext obszön wirken) lassen am Verstand der Hauptfigur zweifeln. Doch immer gilt: Dass man paranoid ist, bedeutet nicht zwingend, dass man nicht auch tatsächlich verfolgt wird. Ein gültiges Zeitporträt oder eine durchdringende Genrereflexion, wie in Scorseses größten Filmen, kann daraus nicht werden. Es bleibt ein Spiel in abgezirkeltem Rahmen. „Shutter Island“, so raffiniert er auch konstruiert sein mag, findet keinen Ausweg aus seinem eigenen, formalen Gefängnis.

Text: Robert Weixlbaumer

Shutter Island
, USA 2009; Regie: Martin Scorsese; Darsteller: Leonardo DiCaprio (Teddy Daniels), Ben Kingsley (Dr. John Cawley), Mark Ruffalo (Chuck Aule); Farbe, 138 Minuten

14.2., 15.00, Friedrichstadtpalast
14.2., 22.30, Urania
21.2., 12.45, Friedrichstadtpalast

Kinostart: 25. Februar

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