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„Sightseers“ im Kino

Sightseers

Das kann Chris gar nicht leiden: wenn jemand sein Bonbonpapier im Museum achtlos auf den Boden schmeißt und dann, darauf angesprochen, auch noch beleidigend wird. So etwas kann bei dem rothaarig-vollbärtigen Mann schon einen cholerischen Anfall auslösen, der dazu führt, dass der Dreckskerl kurzerhand beim Zurücksetzen mit dem Auto unter die Räder gerät.
Kein Zweifel, wer sich mit Chris anlegt, lebt gefährlich. Für die verhuschte Tina, Chris’ neue Freundin, dank ihm ihrer besitzergreifenden Mutter entflohen, ist das genauso gewöhnungsbedürftig wie für den Zuschauer, auch wenn man sich selbst dabei ertappt, dass man ein gewisses Verständnis aufbringt. Würde man manchmal doch gerne ebenso reagieren, auch wenn man diese Fantasien letztendlich nicht in die Tat umsetzt.
„Wir erzählen von einem frisch verliebten Paar“, sagt Alice Lowe, die Tina verkörpert, „das zusammen Urlaub macht und dabei seine Auseinandersetzungen mit anderen Menschen, aber auch untereinander hat. Sie ziehen daraus nur andere Konsequenzen als die meisten Menschen.“ Zusammen mit Steve Oram, dem Darsteller des Chris, war sie nach Berlin gekommen, als „Sightseers“ im vergangenen Sommer das Fantasy Filmfest eröffnete. Beide verkörpern aber nicht nur die Hauptrollen, sie haben sich auch das Drehbuch auf den Leib geschrieben.
Als ich sie frage, ob sie Mike Leighs Frühwerk „Nuts in May“ kennen, das ein ähnlich verschrobenes Pärchen in nicht unähnlichem Outfit beim Camping zeigt, signalisieren sie beide lachend Zustimmung. „Ja, davon sind wir große Fans. Als Comedians sind wir mit Mike-Leigh-Filmen und deren Figuren aufgewachsen. Die haben uns sehr geprägt“, meint Lowe, und Oram fügt hinzu: „Er ist einer der besten komischen Filmemacher in Großbritannien.“ Da die beiden laut Pres­seinformationen vom „devised theatre“ herkommen, frage ich, ob das Verbindungen zu der Arbeitsweise von Mike Leigh benennt. In dessen frühen Filmen hieß es ja im Vorspann nicht „directed by“ sondern „devised by Mike Leigh“.
„Das kann man so sagen“, erklärt Oram. „Wir haben die Geschichte ebenfalls aus unseren Figuren entwickelt.“ „Die haben wir für kurze Sketche konzipiert“, so Lowe, „mit denen wir live aufgetreten sind. Je nachdem, wie das Publikum darauf reagierte, haben wir sie dann weiterentwickelt. Wenn Du in einem Pub auftrittst, hast Du zehn Minuten, um das Publikum zu überzeugen, da lernt man, etwas auf den Punkt zu bringen.“
SightseersEin erster Versuch, mit diesen Figuren im Fernsehen unterzukommen, scheiterte, weil er den Verantwortlichen zu brutal war, aber dann sprach Alice Lowe den Regisseur Edgar Wright an, in dessen Kinofilm „Hot Fuzz“ sie mitgespielt hatte. Der empfahl ihr Nira Park, seine Produzentin bei „Shaun of the Dead“, und kam selber als Executive Producer mit an Bord.
Die schwierige Aufgabe, aus kurzen Szenen eine zusammenhängende und in sich stimmige Geschichte zu entwickeln, haben Alice und Steve dann gewissermaßen „on the road“ bewältigt. „Wir haben einen Campingwagen gemietet und sind damit durch die Midlands gefahren“, so Alice Lowe. „Dabei fanden wir einerseits so bemerkenswerte Sehenswürdigkeiten wie das Bleistiftmuseum, die wir dann einbauten, andererseits lebten wir unsere Figuren und konnten deren Beziehung ausbauen. Steve und ich haben einen ähnlichen Hintergrund, wir hatten beide noch eine gute Erinnerung an Campingferien mit unseren Eltern und wie die dabei häufiger in Streit gerieten.“ Beide kommen selber aus den Midlands, einer im britischen Kino bislang nicht sonderlich prominent vertretenen Region. „Die Midlander haben Humor, aber irgendwie Probleme mit ihrer Identität, sie fallen sprachlich einfach nicht so auf wie die Londoner oder die Schotten“, meint Steve Oram.
Mit der mörderischen Seite der Geschichte von Tina und Chris zeigte sich Regisseur Ben Wheatley bestens vertraut, damit kann er anknüpfen an seinen Erstling „Down Terrace“ und an „The Kill List“, bei dem er sich als Meister für Stimmungsumschwünge ebenso erwies wie für menschliche Abgründe. Das Britisch-Unterkühlte im Kontrast zu den Morden ist das Kapital des Films, bis hin zum indifferenten Gesichtsausdruck von Tina am Ende. Der verleiht der Entwicklung, die ihre Figur im Lauf der Geschichte durchmacht, eine schöne Doppelbödigkeit. „Sie entwickelt sich zu einem Schmetterling, einem höchst aggressiven allerdings“, beschreibt es Alice Lowe.

Text: Frank Arnold

Foto: MFA+ FilmDistribution e.K.

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Sightseers“ im Kino in Berlin

Sightseers, Großbritannien 2012; Regie: Ben Wheatley; Darsteller: Alice Lowe (Tina), Steve Oram (Chris), Eileen Davis (Carol); 92 Minuten; FSK 16

Kinostart: 28. Februar

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