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„Sivas“ im Kino

Sivas

Kaan Müjdeci ist nun bei den Palmen. Ziemlich weit weg von Berlin-Kreuzberg ist der 1980 in Ankara geborene Regisseur derzeit auszumachen, nämlich in Los Angeles, genauer: im Stadtteil Hollywood. Hier stellt er seinen ersten Spielfilm „Sivas“ vor, der als türkischer Beitrag für die Oscars ausgewählt wurde. Doch Müjdeci ist nicht allein: Im Bildhintergrund (er hat sich Zeit für ein Skype-Gespräch freigeräumt) ist hin und wieder Dogan Izci zu sehen, der die Hauptrolle in „Sivas“ spielt. Der Junge verkörpert den elfjährigen Aslan, wohnhaft in einem abgelegenen Dorf in Zentralanatolien, der im Verlauf des Films ins Kampfhund-Business einsteigt.
Die Idee zu dieser Geschichte kam Müjdeci in Bern, während er Kinder beim Karate beobachtete: „Dort habe ich gesehen, wie Eltern ihre sechsjährigen Kinder anfeuern. Hinterher gab es viele blaue Flecken, und trotzdem waren alle sehr glücklich. Mein Anliegen war es, diese Gewalt zu verstehen. Dann habe ich ein Video auf Youtube gefunden, ein totaler Zufall, in dem ein Dogfight zu sehen war. Das ist mir zur Metapher geworden.“ Müjdeci machte sich auf in die Türkei und begann zu arbeiten. Resultat dessen war aber nicht „Sivas“, sondern die Kurzdokumentation „Väter und Söhne“, die 2012 auf dem Krakow Film Festival Premiere hatte. Für „Sivas“ fehlten zunächst noch die Mittel.
Kaan MüjdeciKaan Müjdeci hat Film in New York studiert, nachdem ihn die DFFB zweimal abgelehnt hatte. „Wie bei Fassbinder“, findet er, und wertet das Scheitern an der Akademie als gutes Zeichen. Der bisherige Erfolg von „Sivas“ gibt ihm Recht. Es ist ein bildstarker Film geworden, der vor allem durch die zahlreichen Großaufnahmen des kleinen Dogan Izci besticht – ein ernst bis mürrisch dreinblickender Junge mit sagenhaften Augen, den mit Hund Sivas eine ähnliche Schulterhöhe zu einen scheint. Aus 1000 Kindern hat Müjdeci ihn ausgewählt. „Ich bin ein Kontrollfreak“, gesteht er. „Während der Dreharbeiten stand ich immer dicht neben Dogan und habe ihm ganz genau gesagt, was er machen soll. Das Drehbuch kannte er nicht, hat aber sehr schnell verstanden. Er ist superclever.“
Jene Cleverness ist in „Sivas“ derweil nur zu erahnen. Schließlich möchte Aslan zwar unbedingt ernstgenommen werden, ist in den Augen des von Männern dominierten Dorfes aber eben nur ein Kind. Und auch in der Schule geht es sich nicht so aus, wie er es gerne hätte. Denn der Elfjährige ist verliebt, doch bei der nahenden Aufführung eines Märchenstücks zum Nationalfeiertag darf nicht er als Prinz um die Liebe seiner Angebeteten buhlen, sondern ein verhasster Klassenkamerad.
SivasDie Rangordnung ändert sich jedoch, als Aslan zum Besitzer eines Kampfhundes wird, den er nach einem Fight wieder aufpäppelt. Mit Hund Sivas an seiner Seite, wird ihm endlich der ersehnte Respekt zuteil. Und mit dem neuen Selbstgefühl gelingt es dem Jungen zudem, gegen den großen Bruder zu rebellieren. In einer großartigen Szene ist er da auf einem Dach stehend zu sehen, fluchend, schimpfend, sich die Kleider vom Leib reißend. „Hör auf! Was, wenn dich jemand sieht?“, brüllen die Verwandten, von deren Rufen Aslan aber nur noch weiter angestachelt wird.
„Sivas“ spielt in einer kargen, isoliert wirkenden Region der Türkei. Kaan Müjdeci ist sie eine vertraute: „Mein Großvater hat hier gelebt. Als ich selbst noch klein war, sind wir jeden Sommer zu Besuch gewesen. Es ist eine einsame Umgebung, die Männer sind brutaler und die Frauen für Vieles zuständig. Für ein Kind ist diese isolierte Atmosphäre sehr prägend und auch sehr schwer. Sie formt den Charakter. Im Grunde hätte ich einen Film wie „Sivas“ auch in Marzahn drehen können, mit Pitbulls und vielen deutschen Männern. Aber das ist eine Frage des Budgets.“
Die Gelder für „Sivas“ hat Müjdeci selbst aufgebracht. Die Bar „Luzia“ in der Adalbertstraße und der Concept Store „Voo“ in der Oranienstraße, den der Regisseur gemeinsam mit seinem Bruder betreibt, dürften vielen Kreuzbergern keine unbekannten Adressen sein. Und auch die Gründung des „VorWien“ auf der Skalitzer Straße ist auf Müjdeci zurückzuführen. „Mein Ziel war es aber immer, Filme zu machen“, sagt er. Und in Hollywood beginnt jetzt der Tag.

Text: Carolin Weidner

Foto oben und unten: Coloured Giraffes

Foto mittig: Sedat Mehder

Orte und Zeiten: „Sivas“ im Kino in Berlin

Sivas, Türkei/Daeutschland 2014; Regie: Kaan Müjdeci; Darsteller: Dogan Izci (Aslan), Ozan Celik (Sivas), Muttalip Müjdeci (Dorfoberhaupt); 97 Minuten

Kinostart: Do, 03. Dezember 2015

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