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„Sleep Tight“ im Kino

Sleep Tight

Mit „[REC]“ haben Jaume Balaguerу und sein Ko-Regisseur Paco Plaza eine Marke im Genre des Horrorfilms geschaffen. Als Balaguerу im März für die Deutschland-Premiere des dritten Teils im Rahmen der Fantasy Filmfest Nights nach Berlin und Hamburg kam, verriet er, dass er gerade am Drehbuch von Teil 4 schreiben würde. Drehbeginn soll in diesem Sommer sein.
Unter Horrorfans hat der spanische Regisseur einen guten Namen, schließlich hat er seit seinem Debüt 1999 gleich sechs Kinofilme inszeniert, die allesamt in jenem Genre angesiedelt sind, das mit den menschlichen Ängsten spielt: „The Nameless“, „Darkness“ (2002), „Fragile – A Ghost Story“ (2005), „[REC]“ (2007), „[REC]2“ (2009) und jetzt „Sleep Tight“, dazu noch der Fernsehfilm „Hell’s Resident“ (2006). Vor „Sleep Tight“ war allerdings nur „[REC]“ in Deutschland ein Kinostart vergönnt.
Diesmal kommt der Schrecken auf leisen Sohlen: Cйsar arbeitet als Concierge in einem alten Wohnhaus in Madrid. Die Freundlichkeit, zu der ihn seine Stellung verpflichtet, erweist sich jedoch schnell als Fassade. Mehr noch: Die morgendliche Idylle, wenn er neben der attraktiven Clara aufwacht, birgt ein dunkles Geheimnis. Verraten wir nur so viel: Cйsar ist besessen von ihr – eine höchst einseitige Beziehung, die ihn zu recht drastischen Mitteln greifen lässt, um ihre Liebe zu erringen. Gewisse unliebsame Tierchen in Claras Apartment sind nur eines davon.
Sleep TightAuf die Frage, ob er eine besondere Vorliebe für Geschichten habe, die sich in einem einzigen Gebäude abspielen, antwortet Balaguerу: „Das ist eigentlich Zufall. Bei ‚[REC]‘ war das Entscheidende eher, dass die Geschichte in Echtzeit und aus einer subjektiven Perspektive erzählt wurde. Bei ‚Sleep Tight‘ war ich am Ende des Drehbuchschreibens selber ein wenig überrascht, wie sehr sich die Geschichte auf diesen Schauplatz konzentrierte.“
Gewann „[REC]“ seine Kraft nicht zuletzt dadurch, dass er durchgängig aus der Perspektive der Hauptperson, einer TV-Reporterin, erzählt wurde, was den Zuschauer den Ausbruch einer Epidemie in einem alten Mietshaus hautnah miterleben ließ, so markiert das Spiel mit der Perspektive auch eine besondere Qualität von „Sleep Tight“. Der Zuschauer wird in die Rolle der psychopathischen Hauptfigur gedrängt – wenn Cйsar kurz vor Ende seine Entdeckung in Claras Apartment befürchten muss, dann bangt man mit ihm.
Das habe sich durchaus aus der „[REC]“-Erfahrung entwickelt, räumt Balaguerу ein: „‚[REC]‘ war ein erzählerisches Experiment, das allerdings durchaus mit einigen Frustrationen verbunden war, weil wir auf eine einzige Perspektive festgelegt waren und deshalb nicht die ganze Partitur der Emotionen ausschöpfen konnten.“
Für Balaguerу, 1968 geboren, ist die jahrzehntelange Zeit der Franco-Diktatur, die eine Reihe spanischer Horrorfilme auf bemerkenswerte Weise verarbeitet hat (wie „Der Geist des Bienenstocks“ von Victor Erice oder „The Devil’s Backbone“ und „Pan’s Labyrinth“ von Guillermo De Toro), weit weg. Er selber sei „nicht nur mit Horrorfilmen, sondern mit allen Arten von Filmen aufgewachsen. Ich gehöre zu einer Generation, die gleichermaßen mit europäischen Arthouse-Filmen, amerikanischen Blockbustern, amerikanischen und europäischen Genrefilmen aufwuchs. Wir liebten die ganze Bandbreite des Kinos“.
Während amerikanische Regisseure wie Stuart Gordon („Re-Animator“) oder Brad Anderson („The Mechanist“) in den letzten Jahren in Spanien Geldgeber für ihre Filme fanden, hat Balaguerу mit „Darkness“ und „Fragile“ bereits zwei Filme mit amerikanischen Schauspielern (wie Calista Flockhart und Anna Paquin) in den Hauptrollen gedreht, in englischer Sprache.
Sleep Tight„Das war nicht von vornherein so geplant“, erklärt er. „Das Interesse von ausländischen Verleihern und die Beteiligung von Miramax als Ko-Produzent führte letztlich dazu.“ Er gibt aber durchaus zu, dass das für eine weitere Verbreitung der Filme gesorgt hat. „Es gibt viele Möglichkeiten, wir haben gerade viele Filme mit amerikanischen Schauspielern wie ‚Red Lights‘ (deutscher Kinostart am 16. August, Anm. d. Red.).“ Für den hat Regisseur Rodrigo Cortйs, der seinen vorangegangenen Film, das klaustrophobische Ein-Mann-Kammerspiel „Buried – Lebend begraben“, mit Ryan Reynolds besetzt hatte, Robert De Niro, Sigourney Weaver und Cillian Murphy gewinnen können. „Das war eine teure Produktion, die aber vollkommen mit spanischem Geld finanziert wurde.“
Von „[REC]“ gab es bereits wenige Monate nach dem Kinoerfolg ein US-Remake, dem eine für den DVD-Markt hergestellte Fortsetzung folgte – auch ein Zeichen der Anerkennung, selbst wenn man ihm die Regie des US-Remakes nicht angeboten hat. „Hollywood ist zwar definitiv eine Perspektive für die Zukunft, aber die Drehbücher, die ich bis jetzt bekam, haben mir nicht gefallen.“ Nach der Produktion von „[REC]2“ steht jetzt zunächst einmal „[REC]4“ auf dem Plan, den er in diesem Sommer inszenieren will. Den schrieb er im März gerade, verriet aber immerhin: „‚[REC]4‘ knüpft zeitlich an das an, was in ‚[REC]2‘ passierte. Wie ‚[REC]2‘ spielt er allerdings an einem anderen Ort. Die subjektive Perspektive wird aufgegeben, aber Sie dürfen ein Spiel mit dem Element der medialen Möglichkeiten erwarten.“

Text: Frank Arnold

Foto: Senator Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Sleep Tight“ im Kino in Berlin

Sleep Tight (Mientras Duermes), Spanien 2011; Regie: Jaume Balaguerу; Darsteller: Luis Tosar (Cйsar), Marta Etura (Clara), Alberto San Juan (Marcos); 101 Minuten; FSK 16

Kinostart: 5. Juli

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