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„Small Town Murder Songs“ im Kino

Small Town Murder Songs

In der Kleinstadt in Ontario geht alles seinen geregelten Gang, der Polizist Walter hat eigentlich nur mit zu schnell fahrenden Mitbürgern zu tun. Dann allerdings wird die nackte Leiche einer jungen Frau gefunden – verständlich, dass der erste Mord seit über 70 Jahren hier das Gesprächsthema in der Community ist. Vor allem aber erschüttert er nachhaltig das Selbstverständnis von Walter, der gerade erst zum christlichen Glauben zurückgefunden hat und regelmäßig die Kirche aufsucht, in erster Linie, um seinen Zorn unter Kontrolle zu bringen. In der Vergangenheit gelang ihm das nicht immer, die Erinnerung daran, wie er eines Nachts jemanden zusammenschlug und mit Fußtritten attackierte, taucht immer wieder vor ihm auf.
Ob es dieses Verhalten war, das dazu führte, dass seine damalige Freundin Rita ihn nach zwei Jahren verlassen hat, bleibt unklar, wie so manches in diesem Film. Rita ist jetzt mit Steve zusammen, den man wohl als White Trash bezeichnen kann, während Walter Tisch und Bett mit Sam teilt, einer etwas geschwätzigen Kellnerin im örtlichen Diner, die ihn vielleicht auf den Weg zum Glauben geführt hat. Aber wie stark ist ­Walters Glaube wirklich?
Von den lokalen Mennoniten, bei denen sein Bruder eine tonangebende Rolle spielt, hat er sich jedenfalls entfremdet. Seine eigenen Obsessionen dagegen sind so stark, dass er wiederholt in den Abendstunden vor Ritas Haus auftaucht und sie anfleht, die Wahrheit zu sagen – denn mittlerweile gibt es Indizien, die auf Steve als den Mörder hinweisen.
In großen Buchstaben geschriebene Bibelsprüche wie „Wenn Dich einer schlägt, halte ihm auch die andere Wange hin“ füllen in regelmäßigen Abständen das Cinemascope-Bild des Films und setzen Zäsuren, ebenso die eigenwillige Musik einer kanadischen Indie-Band namens Bruce ­Peninsula, deren kraftvolle, gospelähnliche Songs wirken, als würde ­jemand seine angestaute Wut aus sich herausschreien.
Walters Dämonen sind damit auf den Punkt gebracht, eine Lösung am Ende des Films nicht in Sicht. Als Walter brilliert der schwedische Schauspieler Peter Stormare, der – seit er einst in „Fargo“ gemeinsam mit Steve Buscemi ein unvergessliches Killerduo abgab – im Hollywood-Kino meist auf böse oder exzentrische Charaktere festgelegt wird, hier aber glaubwürdig unterdrückte Emotionen vermittelt.

Text: Frank Arnold

Foto: Cine Global

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Small Town Murder Songs“ im Kino in Berlin

Small Town Murder Songs, Kanada 2010; Regie: Ed Gass-Donnelly; Darsteller: Peter Stormare (Walter), Aaron Poole (Jim), Martha Plimpton (Sam); 75 Minuten; FSK k.A.

Kinostart: 28. Juni

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