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So viele Jahre liebe ich dich

Juliette (Kristin Scott Thomas, hier ohne Glamour und Make-up beeindruckend in ihrer herben Verschlossenheit), eine bleiche Frau mit unendlich müden Augen, die in ihrem zu großen Mantel zu ertrinken scheint, ist gerade aus dem Gefängnis entlassen worden und wird von der sehr viel jüngeren Lйa (eine in ihrer Verletzlichkeit anrührende Elsa Zylberstein) in deren kleiner Familie aufgenommen. Elsa hat nur einen Wunsch: ihrer älteren Schwester wieder so nahe zu sein wie in ihrer Kindheit, obwohl die unausgesprochene, an­scheinend sogar unaussprechliche Schuld, die Juliette in den Augen der Gesellschaft auf sich geladen hat, und das Tabu, das ihr Verbrechen umgibt, auch in ihrem Leben tiefe Wunden hinterlassen hat.

Abweisend, verschlossen und selbstzerstörerisch irrt Juliette durch eine ihr fremd gewordene Welt, und man teilt geradezu physisch mit ihr das unfassbare Schicksal einer Frau, die große Schuld auf sich geladen hat. Doch dann tastet sie sich langsam mit der Hilfe Lйas und ihrer Familie aus ihrem Exil heraus, ohne jedoch ihr inneres Gefängnis je verlassen zu können. Nancy mit seinem typischen Flair der französischen Provinz und dem diskreten Charme seiner Bourgeoisie ist ein idealer Hintergrund für diesen Film über Sühne und Versöhnung, der in langsamen und ruhigen Einstellungen fast bis zuletzt das tragische Geheimnis, das Juliette umgibt, aufrechtzuerhalten weiß. Leider verflachen die Enthüllungen am Schluss einen Teil dieser Ambivalenz, die der Figur Juliettes ihre Tiefe verleiht.

Text: Barbara Lorey

Kino in der Kulturbrauerei So viele Jahre liebe ich dich, 17.11., 19.30 Uhr

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