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„Somewhere“ im Kino

SomewhereKein guter Beginn für eine Schauspielerkarriere, aber ohnehin sieht man ihr immer noch bei jedem halbwegs öffentlichen Auftritt an, dass sie sich in der Rolle der Akteurin nicht wohl fühlen würde: „Ich habe es ein paar Mal getan, aber ich mache das nicht gerne. Ich bin einfach kein Performer. Ich wollte nie Schauspielerin werden. Ich genieße es, Geschichten durch visuelle Elemente und die Kameraarbeit zu erzählen. Ich kann mich so einfach besser ausdrücken. Es gibt da kein Trauma. Es ist einfach meine Persönlichkeit.“ Augenscheinlichen Spaß vor der Kamera hatte sie immerhin noch in einem Chemical-Brothers Musikvideo („Elektrobank“), das ihr damaliger Freund Spike Jonze mit ihr in der Hauptrolle inszenierte. Als Bodenturnerin wirbelt sie darin durch die Gymnastik-Arena, eine Szene, die ein sanfteres Echo in „Somewhere“ hat, wenn Vater und Tochter in einer Eiskunstlaufarena landen und Elle Fanning stolz ihre Ice Skating-Künste zeigt.
Die Jahre mit Jonze schlugen sich deutlich in „Lost in Translation“ nieder, ihrem ersten Film über das Leben der Hollywood Aristokratie, das „Somewhere“ jetzt neu betrachtet. Neben den Midlife-Krisen ihres whiskeywerbenden Hollywoodstars (Bill Murray) behandelte Coppola damals parallel die Geschichte einer jungen Frau, die, wie sie selbst in den Jahren davor, als Fotografin und Autorin einen eigenen kreativen Zugang zur Welt sucht. „I’m stuck!“, sagt Scarlett Johansson in der zärtlichsten Szene des Films. ­“Does it get better?“. „Nein“, sagt Murray. Und nach einer kleinen Pause: „Ja. Es wird leichter. Je besser man sich selbst kennenlernt, desto schwerer lässt man sich von allen möglichen Dingen aus dem Gleichgewicht bringen“.
SomewhereSieben Jahre und einen weiteren, diesmal historischen Ausflug („Marie Antoinette“) in die Welt der Celebrities später, sieht die selbst inzwischen sehr viel arriviertere Regisseurin nun einem Helden zu, der komplett feststeckt im Ennui seines Lebens, vielleicht weil er sich von gar nichts aus dem Gleichgewicht bringen lässt.
Dass Coppola als Filmemacherin nach „The Virgin Suicides“, „Lost in Translation“ und „Marie Antoinette“ in „Somewhere“ nun dezidiert eine männliche Hauptfigur wählt, um von der Hollywood-Welt zu erzählen, führt zu eigenen Pointen. Nicht zuletzt im Blick auf die kleinen, sexuellen Abenteuer, in denen sich Johnny Marco mit Hingabe für ein paar Minuten verliert, etwa wenn er bei einer akrobatischen Pole-Dance-Nummer blonder Playboy-Zwillinge auf seinem Hotelzimmer einschläft.
„Ich hatte das Gefühl, dass ich schon mehr Geschichten über weibliche Charaktere geschrieben hätte. ‚Marie Antoinette‘ war gerade beendet und der war ganz aus weiblicher Perspektive erzählt. Der Film war so girly, so auf der femininen Seite. Also wollte ich lieber über das Gefühlsleben eines Mannes schreiben. Für mich war das eine Herausforderung, von einem männlichen Blickwinkel aus zu erzählen, mir vorzustellen, wie Johnny Marcos Leben aussieht.“
Die Geschichten von Freunden, die sie dafür verarbeitete, musste Hauptdarsteller Stephen Dorff am Ende pauschal beglaubigen. Dorff sei begeistert über die Stimmigkeit und Genauigkeit ihres Bildes gewesen, sagt Coppola: „Und ich denke mir, dass er diese Welt besser kennt, als ich es tue.“
Sofia Coppola am SetDass „Somewhere“ nicht ganz ins rein Anekdotische oder Komödiantische abgleitet, verdankt sich dem zweiten Strang des Films, der mit dem Erscheinen der Tochter Cleo neue, leise Konflikte in Marcos Leben und der Erzählung provoziert. Ein weiteres Mal thematisiert Coppola den Übergang einer weiblichen Hauptfigur in eine neue Lebensphase. „Ich habe über das Vater-Tochter-Verhältnis nachgedacht, als ich das Drehbuch schrieb – ich habe damals selbst gerade ein Kind bekommen. Es ist eben ein interessanter Moment des Übergangs für dieses 11-jährige Mädchen. Scarlett Johansson in ‚Lost in Translation‘ ist Anfang Zwanzig als sie ihre Veränderung erlebt. Es gibt Ähnlichkeiten zwischen den beiden, aber zugleich ist es biografisch schon ein ganz anderer Moment.“
Cleos Tränen über die Haltlosigkeit der Eltern, die dann doch irgendwann kommen, kann der Vater nicht wirklich stillen. Sein „Tut mir leid, dass ich mich nicht mehr gekümmert habe“ geht im Lärm eines Luxushelikopters ebenso unter wie später seine Klage über die eigene Bedeutungslosigkeit in den Ohren der Exfrau: „I’m fucking nothing. Not even a person“. Dass man auch in solchen Augenblicken nicht wirklich verzweifeln muss, gehört mit zu den Tröstungen, die Coppolas Hollywood bereit hält.

Text: Robert Weixlbaumer

Fotos: Merrick Morton

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Somewhere“ im Kino in Berlin

Somewhere, USA 2010; Regie: Sofia Coppola; Darsteller: Stephen Dorff  (Johnny Marco), Elle Fanning (Cleo), Chris Pontius (Sammy); 98 Minuten; FSK 12

Kinostart: 11. November

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