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„Sommer der Gaukler“ im Kino

Sommer_der_GauklerAlte Theaterbühnen üben ihren Reiz auf das Kino aus. Wenn rumpelnde Kulissen wechseln und Meereswogen aus Papier herangekurbelt werden, erzählt das frühe Illusionsspiel auch etwas über das Lichtspieltheaters. Mit spätbarockem Theater beginnt auch Marcus H. Rosenmüllers neue Komödie. Vor realer Landschaft mit Wiese und Weiher wird eine tapfere Frau mit dem Tod durch Ertränken bestraft. Erst ein Schnitt führt ins Innere eines Rokoko-Theaters: Die tragische Szene ist jetzt als Bühnenspiel erkennbar. Das nächste Drama entfaltet sich in „Sommer der Gaukler“ erst nach der Vorstellung: Der wichtigste Mime droht mit seinem Ausstieg. Ohnehin von Bankrott bedroht, hat sich für die Theaterleute um Emanuel Schikaneder (Max von Thun) gerade die Hoffnung auf eine Spielgenehmigung im nahen Salzburg zerschlagen. Durch eine List kann der Angestellte gehalten werden; außerdem verspricht Schikaneder, den Operndurchstarter Mozart zum nächsten Stück herzuholen. Bis dahin muss der windige Theatermann hinhalten und beschwichtigen und sich einen Gläubiger vom Hals halten: den Wirt eines Gasthauses in einem bayerischen Nest nahe Salzburg, wo die Truppe vorerst ausharren muss.

Rosenmüllers Protagonist Schikaneder ist eine historisch verbürgte Figur; für das Libretto zu Mozarts „Zauberflöte“ erlangte der Straubinger Berühmtheit. Vorher, das malt der Film aus, schlug er sich als Stückeschreiber, Schürzenjäger, Sänger und Schauspieldirektor durch: ein Hallodri-Charakter, wie er bestens passt zu Rosenmüllers Idee eines neuen bayerischen Heimatfilms um urrumpelige Typen, Dialekte und voralpine Schauplätze nach Art seines Kinodebüts von 2006, „Wer früher stirbt, ist länger tot“. Mit einer zwingenden Story wartet der nach dem Roman von Robert Hültner inszenierte Film nicht auf. Viele Turbulenzen beruhen auf zufälliger Fügung – so der Aufstand der Bergleute, mit dem der unfreiwillige Rebellenheld Georg Vester ins Spiel kommt samt seiner amourösen Verbindung mit der Tochter des Grubenbesitzers.

Der Reiz des Films liegt mehr im Witz von Dialogen und der Musikalität der Sprache, die das toll besetzte Ensemble beflügelt: Derbes Bauerndeutsch trifft auf Mozarts Salzburgerisch, absolutistische Amtssprache auf zauberhafte Shakespeare-Sonette. Antiheld Schikaneder erwacht erst in Max von Thuns herrlich überreizter Art zur lebendigen, warm gezeichneten Figur. Mit der Betonung des Wortes und anderer Theatermittel wie opulente Kostüme oder zwei fröhlich stilbrechende Exkurse ins Musical steht „Sommer der Gaukler“ mindestens mit einem Fuß auf der Bühne. Doch gerade der Gattungsmix beschert dem Film seinen Anarcho-Charme.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Meike Birck/gff sued/Movienet Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Sommer der Gaukler“ im Kino in Berlin

Sommer der Gaukler Deutschland/Österreich 2011; Regie: Marcus H. Rosenmüller; Darsteller: Max von Thun (Emanuel Schikaneder), Lisa Maria Potthoff (Eleonore Schikaneder), Nicholas Ofczarek (Wallerschenk); 110 Minuten; FSK 6

Kinostart: 22. Dezember

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