70er-Drama

„Sommerhäuser“ im Kino

In „Sommerhäuser“ blickt die Regiedebütantin Sonja Maria Kröner ins Jahr 1976

Foto: 2017 PROKINO Filmverleih GmbH

Die Sommerhäuser existieren ein jedes für sich, doch sind sie durch einen prächtigen Gemeinschaftsgarten miteinander verbunden. Oberhaupt des Gartens war Oma Sophie. Mit ihrem Tod fuhr ein Blitz in einen Baum und spaltete ihn. Ein zorniger Einbruch, der auch für das Zusammenleben der Sommerhaus-Bewohner gilt, denn mit dem Verscheiden der harmonisierenden Alten etablieren sich hier neue Hierarchien. Der Gartenboden, auf dem die Häuser stehen, ist nicht mehr neutrale Zone, sondern Verhandlungsmasse. Wem gehört was? Soll man verkaufen oder behalten? Und wer hat darüber überhaupt zu entscheiden? Es gibt Grenzen und Linien, neuerdings, sie verlaufen subtil und sind nur mittels Verhaltensweisen, Stänkereien und Gram einzusehen.

Der Garten ist nicht mehr sicher und die Ordnung, die vormals vielleicht auch nur ­äußerlich vorherrschte, ist offenkundig ­bedroht. Aber nicht nur der Garten selbst hat an Unschuld eingebüßt: Draußen ist ein ­Kindermörder unterwegs. Man liest in der ­Zeitung von ihm und hört es im Radio: Ein kleines Mädchen wurde entführt und getötet – bisher gibt es keine Spur.

Bei Sonja Maria Kröners Debütfilm „Sommerhäuser“ sind all diese Ströme präsent, ­obwohl sie unterschwellig bleiben; Unangenehmes schwelt, aber es ist gut zugedeckt von einer Welt, in der Kleidungsstücke getragen werden, die aufgrund ihrer synthetischen Materialität doch gerade so hervorragend brennen würden: die 1970er. 1976 ist das Jahr des Jahrhundertsommers und außerdem das Jahr, in dem es etwas außerhalb Münchens zu Dramen kommt, die nur interessant sind, wenn man ihnen beiwohnt.

Und das ist hier der Fall, denn Kröner erzählt, ohne auszusprechen: Sie zeigt. Sie besitzt Gefühl für Situatives und Details, und sie folgt den Sommerhäuslern, jungen und alten, auf ihren Wegen, nimmt sich mal den Unternehmungen der Mädchen an (die unter ­Tischen sitzen und die Erwachsenen belauschen), dann beobachtet sie den mehrdeutigen (Liebes-?) Briefwechsel zwischen zwei älteren Damen. Gitti (Mavie Hörbiger) darf nicht ins Baumhaus und beschimpft Evas (Laura ­Tonke) Kinder dafür als „Arschgeigen“. ­Geburtstagskarten werden gefälscht. Als sich Ilse (Ursula Werner) die Lippen rot schminkt, kommentiert Mathilde (Inge Maux) die ­Verwandlung mit dem Wort „Clown“.

Es sind mitunter herzzerreißende Szenen, in gelbstichigen Bildern lakonisch vorgetragen. Selbst Bernds (Thomas Loibl) Frisur rührt an: die Haare so bedacht über Kopf und Stirn ­gekämmt, beziehungsweise geklebt. Dann die Shorts: besonders kurz, so wie die Hemden eindeutig zu schmal geschnitten sind. Auf den Tisch kommen Frankfurter Kränze und Kirschrollen und noch vieles mehr – besser, es gibt drei verschiedene Kuchen als nur einen: Man lässt es sich gut gehen. Und der Krieg ist auch schon 30 Jahre her, erinnert Bernd einmal den alten Erich (Günther Maria Halmer). Ab und zu kommt sogar ein Überraschungspaket aus den USA, mit den neuesten Sommertrends darin. Alles ist so schön.

Wäre da nicht der Konflikt um den Garten, die Angst vor dem Mörder. Und: die Wespen. An ihnen agieren sich hier nämlich alle aus. Die Kinder führen eine Liste, wer die meisten töten konnte. Es werden Fallen drapiert und mit Haarspray Flammenwerfer erzeugt. Kanni­balismus und Buttercreme, das liegt hier alles ganz dicht beieinander und geht völlig ­unproblematisch in einem Zustand auf: ­Normalität.

Sommerhäuser D 2016, 96 Min., R: Sonja Maria Kröner, D: Laura Tonke, Thomas Loibl, Mavie Hörbiger, Ursula Werner, Christine Schorn, Start: 26.10.

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