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„Son of Saul“ im Kino

In einer Todesfabrik muss alles schnell ­gehen. Keine Zeit für Rituale, keine Zeit für eine förmliche Bestattung, bloß Hineinschicken, Töten, Herausholen, Verbrennen, und wenn die Öfen nicht mehr können, dann halt irgendwo hin mit den Leichen. Unter die Erde. Bloß keine Umstände mit dem lebens­unwerten Leben. In dieser Situation tut ein Mann namens Saul Ausländer seinen Dienst. Sein eigener Tod ist aufgeschoben, denn er gehört zu einem Sonderkommando in Auschwitz.  Er ist einer der Juden, die dabei helfen, Männer und Frauen und Kinder aus ihrem eigenen Volk zu töten, und die Toten dann zu beseitigen.

Saul Ausländer ist ein moderner Sklave, und dabei zutiefst kompromittiert, denn er hat sich seine Stellung erkauft, indem er mit dem Feind gemein­same Sache macht. Dass ihm seine Arbeit allmählich über den Kopf wächst, kann man in „Son of Saul“ von Lászlу Nemes an einem Vorhaben sehen, das alles durcheinander bringt: Saul Ausländer möchte einen Jungen begraben, in aller Form, und dafür braucht er einen Rabbiner. Diesen Jungen nennt er seinen Sohn, dabei hat er doch keinen Sohn. Oder doch? Quer durch das Vernichtungslager, auf allen seinen Wegen, ordnet Saul alles diesem Vorsatz unter, ­einem einzigen eine ordentliche Bestattung zu verschaffen. Eine sinnlose Zeichenhandlung, doch wie könnte man anders aufbegehren?

In der vergangenen Woche ist „Son of Saul“ mit dem Oscar für den Besten Film „in a foreign language“ ausgezeichnet worden. Das ist nicht ohne eine gewisse Ironie, denn es sind eine ganze Reihe von „Sprachen“, die hier „fremd“ sind. Selten hat man bisher so eindringlich zu verstehen bekommen, dass in Auschwitz viele Idiome gesprochen wurden: Deutsch, Ungarisch, Jiddisch, Polnisch, Russisch, um nur die wichtigsten zu nennen. In „Schindlers Liste“ wurde Englisch gesprochen, in der Fernsehserie „Holocaust“ auch. „Son of Saul“ ist nicht der erste Film, der die Realitäten von Auschwitz ernstzunehmen versucht. Aber es ist der erste, der mit allen Mitteln der Ästhetik versucht, einen konkreten Eindruck von einer Situation zu geben, bei der die menschliche Vorstellungskraft an ihre Grenzen stößt.

Der ungarische Regisseur Lászlу Nemes, ein Schüler von Béla Tarr, der lange an der Berliner Film- und Fernsehakademie (DFFB) unterrichtet hat, setzt sich dabei gleich mit seinem ersten abendfüllenden Film über ­eines der strengsten Bilderverbote hinweg, die es im Bereich des Kinos gibt. Aus der Todesfabrik soll es keine erfundenen Bilder geben, denn sie können nur falsch sein. So hat es vor ­allem Claude Lanzmann immer wieder mit Nachdruck dekretiert, der mit dem vielstündigen „Shoah“ den wichtigsten Film über die Judenvernichtung gemacht hat. „Schindlers Liste“ mag seither zwar Unterrichtsmaterial geworden sein, gilt aber als unzulässig.

„Son of Saul“ lässt deutlich erkennen, dass Lászlу Nemes um all die Repräsentationsprobleme weiß, von denen das Thema Auschwitz umgeben ist. Er „löst“ sie, indem er sich gleichsam mitten hineinstürzt. Die Kamera sitzt Saul Ausländer fast die ganze Zeit im Nacken, er ist der erste Zeuge in diesem Labyrinth, und wir sehen alles mehr oder weniger mit seinen Augen, hören mit seinen Ohren (eine überwältigende Tonspur), und sehen ihm doch gleichzeitig dabei zu, sehen alles in seinem entsetzten Blick gespiegelt. Der Effekt ist ein Realismus, dem es nicht um Details geht, auch wenn zahlreiche Details zu sehen sind, sondern um einen Eindruck: Was war das für eine Situation, in der ein Regime des Todes herrschte?

Unweigerlich kann das nur eine widersprüchliche Erfahrung ergeben. „Son of Saul“ ist kaum zu ertragen, und tut doch alles, um uns als Publikum nicht zu verlieren. In diesem Sog der Erzählung liegt eine Gefahr, denn auch Nemes kommt nicht darum herum, einen attraktiven, virtuosen Film zu machen, ein Kunstwerk, das auf einer Auslöschung beruht. Aber die Choreografie der Abläufe, die Winkelzüge des Drehbuchs, das sich auch zum Ziel gesetzt hat, uns mit Saul Ausländer einmal diesen gesamtem Kosmos durchschreiten zu lassen, das alles läuft schließlich immer wieder auf dieses eine Bild hinaus, das man kaum mehr los wird: das Gesicht von Saul Ausländer, der im richtigen Leben der Schauspieler Gйza Röhrig ist.

Auf seinen Wegen bekommt Ausländer auch einmal einen Fotoapparat in die Hand. Eine Gruppe von Häftlingen hat sich vorgenommen, ein Bild von den Verhältnissen in Auschwitz zu machen. Er kann den Apparat gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen. Das Foto, das später damit gemacht wurde, gibt es wirklich, insgesamt sind es vier Aufnahmen, entstanden am Krematorium V. Sie sind heute die herausragenden Zeugnisse aus den Todeslagern, entstanden direkt aus der Todesgefahr heraus. Lбszlу Nemes bezieht sich auf dieses Ursprungsmotiv aller Darstellungen von Auschwitz so, dass man meinen könnte, er sähe sich in der Tradition dieser Fotografen. Aber es gibt keine solche Tradition. Es gibt nur immer wieder neue Versuche, diesen Geschehnissen gerecht zu werden. „Son of Saul“ zählt unter diesen Versuchen zu den eindringlichsten und verstörendsten.

Saul fia (OT) HUN 2015, 107 Min., R: Lászlу Nemes, D: Géza Röhrig, Levente Molnar, Urs Rechn

Kinostart: Do, 10. März 2016

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