Kino & Stream

„Sons of Norway“ im Kino

Sons Of Norway

Wie soll man in den Flegeljahren gegen Eltern oder andere Autoritäten aufbegehren, wenn die liebevolle Mutter für alles Verständnis zeigt, wenn der großherzige Vater ein Freigeist und antiautoritärer ist als man selber? Nikolajs pubertäre Profilierungs- und Provokationsversuche verpuffen, weil sein von der 60er-Jahre-Jugendrevolte und Hippiekultur geprägter Power-Papa den Sohn in allem, was er tut, solidarisch unterstützt. Als Nikolaj Ende der 70er-Jahre in seinem Heimatort Rykkinn bei Oslo die Sex Pistols hört und Punk als Ventil für den pubertätsbedingten Hormonschub und überbordende Emotionen entdeckt, reagiert der Vater unerwartet aufgeschlossen: Er hört „Never Mind The Bollocks“, setzt sich mit der „Alles ist Scheiße“-Attitüde auseinander, zieht sich eine Lederjacke über und trommelt als Aushilfsschlagzeuger beim Live-Auftritt einer Punkband, in der Nikolaj als Gitarrist lärmt.
Das originelle Familiendrama wahrt die Balance zwischen Tragik und Komik, der Kontrast unterschiedlicher Charaktere sorgt für emotionale Spannung. Nikolaj Frobenius schrieb das Drehbuch auf Basis seines Romans „Theorie und Praxis“, in dem er eigene Erfahrungen verarbeitete. Entsprechend lebens- und seelennah werden die Verwirrungen des sensiblen Nikolaj im Film dargestellt. Meist deuten nur kleine Gesten und Blicke seine Gefühle an, nach dem Tod der ihm wesensverwandten Mutter verschließt er sich zunehmend und nimmt Drogen. Das aufdringlich kumpelhafte Verhalten des vor Vitalität strotzenden Vaters ist dem Filius peinlich im Kreise seiner Altersgenossen. Den Urlaubsausflug in ein schwedisches Nudistencamp und dortige Bekanntschaften mit frivolen Frauen und einem Wilhelm-Reich-Jünger empfindet der sexuell noch schamhafte Minderjährige als Zumutung. Man sieht, wie auch ein gebildeter Gutmensch als Vater versagen, wie antiautoritäre Erziehung zur Verunsicherung und Fehlentwicklung von Kindern führen kann. Es stellt sich die universelle Frage, wieviel Freiheit der Mensch verträgt, ob nicht die meisten überfordert wären von einem frei bestimmten Leben in völliger Eigenverantwortung.

Text: Ralph Umard

Foto: Alamode Film

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Sons of Norway“ im Kino in Berlin

Sons of Norway (Sonner av norge), Norwegen/Schweden/Frankreich/Dänemark 2011; Regie: Jens Lien; Darsteller: Еsmund Hшeg (Nikolaj), Sven Nordin (Magnus), Sonja Richter (Lone); 88 Minuten; FSK 12

Kinostart: 5. Juli

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Punk-Ikone John Lydon

Mehr über Cookies erfahren