Kino & Stream

Splatter: „Kill Me Please“

Kill_me_please„Es gibt ein Land, das künstlerisch Zurückgewiesene akzeptiert: Belgien.“ Ausgerechnet ein Franzose fand dort Rettung: Regisseur Olias Barco. Nach seinem Filmdebüt „Snowboarder“ (2002) trieben ihn existenzielle Zweifel fast in den Selbstmord. Dann landete er in Belgien und fand glücklicherweise einen anderen Weg, sich mit dem irdischen Finale auseinanderzusetzen. Mit finsterem Humor und der schonungslosen Kompromisslosigkeit schwarz-weißer Bilder führt Barcos „Kill Me Please“ zu einer Klinik, die Sterbehilfe gewährt. Doktor Krueger führt in dem schloss­ähnlichen Anwesen das Zepter, überprüft gründlich die Beweggründe jedes lebensmüden Patienten, denn jeder Suizid kostet die Gesellschaft schließlich jenes viele Geld, das der Kandidat nicht mehr erwirtschaften wird. Wer bei ihm landet, ist entweder seit Jahren depressiv, schwer erkrankt, wahnsinnig oder ein Simulant wie der vermeintliche Krebskranke im Endstadium, der sich vor lauter Frust darüber, dass Krueger seine Lügen entdeckt, in die Pulsadern hackt.

Zugegeben, die Patienten machen es Krueger nicht leicht, zumal er ihnen die wunschgemäße Inszenierung ihrer letzten Momente verspricht. Mit Lieblingsspeisen oder Sex verabschiedet es sich leichter, doch die transsexuelle Operndiva (Zazie de Paris) will zuvor noch einmal die Marseillaise schmettern. Natürlich vor dem ein wenig beschränkten Publikum aus dem nächsten Dorf. Ein anderer hat Vietnamkriegsfantasien, dürstet nach Action und einem Blattschuss. Doch dann brennt die Klinikküche aus und einer stirbt, ohne an der Reihe zu sein. Und schon beginnt das Gezeter der Todessehnsüchtigen. Sie fordern ihren Schierlingsbecher nebst Sterberitual wie gebucht, wollen keine Improvisationen und führen sich auf wie Luxustouristen. Bis der Tod dann einen Turbogang einlegt und sie wahllos niedermäht. Auch das nur eine bestellte letzte Fantasie? Olias Barco verschenkt keine Zeit, um über Schweizer Sterbehilfen, neurotische Kontrollzwänge oder Dr. Kruegers Rechenspielchen zu grübeln. Längst hat sich „Kill Me Please“ in ein absurdes Splatter-Movie verwandelt, das rohe Gewalt besser liefert als abgründige Ironie. Seine zerstörerische Wucht ist allerdings so bedingungslos, dass Barco beim Internationalen Filmfestival in Rom 2010 dafür den Preis als bester Film und den Preis der Filmkritik erhielt.  

Text: Cristina Moles Kaupp
Foto: Neue Visionen Filmverleih
tip-Bewertung: Annehmbar

Kill me please im Kino in Berlin
Belgien 2010; Regie: Olias Barco; Darsteller: Aurйlien Recoing (Doktor Krueger), Virgile Bramly (Virgile), Daniel Cohen (Jean-Marc); 96 Minuten; FSK 16;
Kinostart: 17. Mai

Mehr über Cookies erfahren