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Stadt am Abgrund – Die TV-Serie „Babylon Berlin“

1929 begann eine Talfahrt, die schließlich in den Untergang ­führte. Der Bestsellerautor Volker Kutscher lässt seinen Kommissar Gereon Rath im Berlin dieser wahnsinnigen Jahre ermitteln. „Babylon Berlin“ beschwört diese Zeit filmisch herauf. Eine Begegnung mit Achim von Borries, Hendrik Handloegten und Tom Tykwer, den Machern hinter der bisher ehrgeizigsten deutschen Fernsehserie. Die durchaus den Anspruch erhebt, international wahrgenommen zu werden

Mit einem Toten im Landwehrkanal und einem Pornodarsteller, der verdächtig nach „Wilhelm zwo“ (also dem letzten deutschen Kaiser) aussah, so begann 2008 eine Krimireihe, von der damals wohl nicht einmal der Autor Volker Kutscher in seinen kühnsten Träumen ahnen konnte, was aus ihr einmal werden könnte. „Der nasse Fisch“ spielte im Jahr 1929, der Held ­Gereon Rath war damals noch bei der „Sitte“, wechselte dann aber in die Mordkommission. Die eigentliche Hauptfigur war aber schon in diesem Roman die Stadt Berlin selbst. Berlin zu ­einem Zeitpunkt, an dem die Weimarer Republik allmählich auf einen kritischen Punkt zusteuerte. Berlin als die Hauptstadt der Welt, provinziell und mondän zugleich, mit einem Nachtleben, das von der Unterwelt schwer zu unterscheiden ist, und mit einem Helden, der die ganze Sache aus der Perspektive eines in Sünde gefallenen Kölner Katholiken sieht: Gereon Rath.
Ein idealer Stoff für jemand wie Tom Tykwer, der sich schon lange mit dem Gedanken trug, etwas über diese Zeit zu machen, und der darüber mit den beiden Kollegen Achim von Borries und Hendrik Handloegten immer wieder sprach. „Was uns vorschwebte, das war, diese Zeit einzufangen, also etwas entfalten zu können, was man so ein Sittengemälde nennt.“ Und dafür erwiesen sich die Romane von Volker Kutscher – inzwischen gibt es fünf mit Gereon Rath, historisch ist die Serie im Jahr 1934 angelangt – als ideal. „Weil es auch so offen angelegt ist“, meint Handloegten. „Für ­einen guten Film musste man das anreichern, und so haben wir ­begonnen, in diesem Kosmos ­weitere Figuren zu erfinden.“

Das Ergebnis ist ein neuer Kosmos. „Babylon Berlin“, eine Fernsehserie, die mit zwei Staffeln zu acht Folgen an den Start geht. Ein Ereignis mit potentieller Weltgeltung, mit dem Deutschland an Serienwelterfolge wie „Boardwalk Empire“ oder „Mad Men“ anschließen möchte. Seit vielen Jahren hat sich das Publikum an anspruchsvolle Langzeiterzählungen vor allem von den amerikanischen Großanbietern HBO und Netflix, inzwischen auch von Amazon gewöhnt. Den langen Atem, den stilbildende Serien wie „The Sopranos“ oder „Deadwood“ (siehe Interview mit Liv Lisa Fries und Volker Bruch) aufwiesen, wollte in Deutschland lange niemand riskieren. „Babylon Berlin“ will das mit einem Schlag ändern.

Das sind Ambitionen, bei denen es dann fast schon wieder überrascht, wie entspannt die Interviews mit den drei Regisseuren und den beiden Hauptdarstellern ablaufen. Von dem enormen Druck, der doch auch auf diesem Projekt lasten muss, ist erst mal gar nichts zu spüren. Alle scheinen sich ihrer Sache recht sicher zu sein, und die ersten paar Folgen, die man zur Vorbereitung ­anschauen durfte, bestärken ­diesen Optimismus durchaus. ­„Babylon Berlin“ hat das Zeug zu einer großen deutschen Serie.

Und das hat wohl auch damit zu tun, dass Tom Tykwer & Co. mit dem Stoff von Volker Kutscher nicht defensiv umgegangen sind, sondern aufs Ganze gehen. Achim von Borries erzählt: „Eigentlich haben wir von Anfang an gesagt: Da darf es erst einmal keine Limitationen geben. Als Autor kann man noch relativ unverantwortlich sein, bald haben wir uns aber vorgenommen, dass wir diesen großen Horizont nicht mehr verändern wollen, beziehungsweise dass wir das beibehalten wollen. So sind wir zu den Sendern gegangen, so sind wir zu den Dreharbeiten gegangen, und so sind wir schließlich bis in die Postproduktion durch diese Serie gerast.“

Eine Serie, die mit ihrem Budget (die Rede ist von 40 Millionen Euro), mit den beteiligten Sendern (eine ungewöhnliche Koproduktion der eigentlich konkurrierenden öffentlich-rechtlichen ARD mit dem Pay-TV-Unternehmen Sky, mit der Berliner Filmproduktion X-Filme als dem entscheidenden Scharnier), mit den logistischen Anforderungen (in Babelsberg wurde eigens eine historische Straße gebaut) deutlich über die gewohnten Dimensionen nicht nur des deutschen Fernsehens hinausgeht. Auch im Kino wären das alles andere als alltägliche Bedingungen, wobei es hier allerdings nicht um einen einzelnen Film oder einen Mehrteiler geht, sondern eben um 16 Folgen. So umfangreich erwies sich das, was sich aus dem Verzicht auf „Limitationen“ ergab.

„Ursprünglich waren zwölf Episoden geplant“, erläutert Hendrik Handloegten. „Ganz am Anfang waren wir uns nicht sicher ob wir einen oder zwei Romane von Volker Kutscher zur Grundlage nehmen sollen. Dann ist uns aber doch klar geworden, dass wir die Milieus öffnen wollen, dass wir ein paar Milieus hinzufügen wollten: das Arbeitermilieu, das Militär, die schwarze Reichswehr. Der Plot von „Der nasse Fisch“ erwies sich dafür als absolut ausreichend, wenn man dann noch einen zweiten Fall dazu genommen hätte, das wäre viel zu viel gewesen. Das ist bei einer Serie dann doch eine ganz andere Arbeit, als wenn man einen Roman adptiert. Für eine Verfilmung bringt man vielleicht 500 Seiten Buch auf 100 Seiten Drehbuch. Man kondensiert da ja immer wahnsninnig. Hier war es andersrum. Man expandiert, was Volker Kutscher sehr erfreut hat.“

Die Expansion beginnt bei den beiden Hauptfiguren: Gereon Rath, dem die Autoren ein heftiges Trauma verpasst haben, und Charlotte Ritter, genannt Charly, wie es sich für eine Epoche gehört, in der zum ersten Mal so etwas wie eine populäre Kultur in Deutschland entsteht. In den Romanen ist Charly auch schon wichtig, die schwierige Liebesgeschichte zwischen ihr und Rath ist ein zusätzliches Spannungsmoment. „Wir wollten sie einfach schwerer machen“, gibt „Henk“ Handloegten genauere Einblicke in die Schreibwerkstatt. „Charlotte ist bei Kutscher noch zu leicht. Wir haben tatsächlich jede Szene gemeinsam geschrieben. Es gab immer einen Entwurf auf einer Karte, da stand die Handlung drauf, zum Beispiel: Charlotte findet Rath in der Herrentoilette, das ist so eine Schlüsselszene relativ früh. Es gab dann rund 50 Karten, die haben wir untereinander aufgeteilt, und dann haben wir geschrieben. Der erste Entwurf ist immer schlecht. Dazwischen haben wir uns unterhalten.“ Tom Tykwer ergänzt: „Wir sind wirklich eingetaucht in diese gemeinsame Begeisterung für ein Thema. Es gab morgens immer überraschende Neuigkeiten, oft ganz spezialistisch, denn so viel kann man allein gar nicht lesen, wie sich in so einer Zusammenarbeit ergibt.“

Frédéric Batier / X Filme

Dass die Erzählung auf intensiver historischer Recherche aufruht, das ist schon bei Volker Kutscher so. Und „Babylon Berlin“ geht da noch ein paar Schritte weiter ins Zeitspezifische, in dem dann aber auch immer wieder etwas Zeittypisches erkennbar wird, und manchmal sogar Parallelen zur Gegenwart.

Tykwer: „Es ging uns darum, den Nukleus dieser ganzen Epoche zu finden. Die Goldenen Zwanziger, wie sie genannt werden, dauerten in Berlin ja, wenn es sie überhaupt je golden waren, höchstens zwei oder zweieinhalb Jahre, und auch da war die Stadt eher nur auf dem Weg dahin. Bis 1926 war das ein Land, das zerstört war, die Hälfte der Männer war tot, der Krieg war nicht verarbeitet, die Niederlage wurde nicht anerkannt. Das Währungsdesaster wurde erst 1926 überwunden, und das hat dann dazu geführt, dass die Demokratie in einer bestimmten Lebbarkeit und auch als Idee erst zu diesem Zeitpunkt da gelandet ist, wo wir nun wie in einem Experimentierglas beobachten können, wie die das machen. Das ist auch eine verrückte Parallele natürlich, eine der vielen zu heute. 1929 sind dann ein paar Monate um den 1. Mai herum so vollgestopft mit Stellschrauben und mit Abbiegungen, die die Geschichte da genommen hat, dass wir uns darauf dann konzentriert haben. Diesen Demonstrationstag, von dem viele gar nicht so wissen, was da vorgefallen ist, nehmen wir sehr genau in den Blick, weil wir diesen Moment für die erste große Zäsur halten. Die Folge ist, dass wir von nun an bei einer Talfahrt zuschauen, wobei die Figuren davon natürlich keine Ahnung haben können.“

Diesen Zwiespalt zwischen dem Wissen um die katastrophale Entwicklung der allgemeinen Geschichte und dem konkreten Miterleben mit so vielen Figuren macht „Babylon Berlin“ im besten Sinn produktiv. Und darüber hinaus nimmt es die Serie auch selbstbewusst mit den vielen ­Klischees auf, die aus dem ­Berlin einer beschleunigten Moderne im Umlauf sind. „Es ging uns darum, für die ­Zuschauer heute das Gefühl der Überwältigung wiederherzu­stellen, das die Menschen vielleicht ergriffen hat, wenn sie in einen Jazzclub oder einen Tanztempel gegangen sind“, sagt Achim von Borries. „Das waren ja ähnliche Trancezuständen, wie wir sie vielleicht erlebt haben, wenn wir in den 90er Jahren in den Tresor gegangen sind. Das Ziel war, die Essenz von damals neu zu erfinden.“

Schon jetzt riskiert man nicht allzu viel mit der Behauptung, dass weitere Staffeln von „Babylon Berlin“ eher wahrscheinlich sind. Volker Kutscher will die Vorlage noch bis ins Jahr 1938 weitererzählen. Das wäre allein schon Ausgangsma­terial für rund hundert Stunden. Die internationale Attraktivität der Serie ist klar. Für die drei Regisseure werden dadurch ganz eigene Probleme absehbar, denn diese Arbeit kann ja auch alles andere in den ­Schatten stellen. Machen sie sich keine Sorgen um ihre ­individuelle ­Karriere? Alle drei antworten nahezu einhellig. „Wir schreiben ja schon wieder“, verkündet Handloegten, und ­Borries fügt hinzu: „Wir sind viel zu verliebt, als dass wir das mit jemandem teilen wollen“. Tom Tykwer zieht das Fazit: „Das ist eine Aufgabe, der wir uns jetzt stellen wollen. Wir sind absolut entschlossen, weiterzumachen. Was das für uns als Filmemacher persönlich bedeutet, das herauszufinden wird unser Lebens­experiment.“

Babylon Berlin Start: 13.10. auf Sky, Ende 2018 dann frei empfangbar in der ARD

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