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„Starlet“ im Kino

Starlet

Permanenter Sonnenschein herrscht an diesem Ort, deswegen siedelte sich ja vor über hundert Jahren die Filmindustrie hier an. In dem flirrenden Licht von L.?A. schwingt allerdings auch eine Unwirklichkeit mit. Vielleicht überdeckt sie, dass das Scheitern hier eher Realität ist als die Erfüllung all der Träume vom Ruhm in der Glitzermetropole. Ein Sinnbild für die Kehrseite der Träume ist dieser Ort geworden, seit sich in den Siebzigerjahren im San Fernando Valley jener Teil der Filmindustrie ansiedelte, für den sich die verschämte Bezeichnung „Adult Entertainment“ bis heute gehalten hat – die Pornofilmindustrie. So ist es auch nicht unbedingt ein Schock, als der Zuschauer erfährt, dass Jane dort arbeitet. Die blonde, langbeinige Frau, Anfang zwanzig, läuft eher lässig gekleidet herum und lebt in den Tag hinein, genau wie ihre beiden Mitbewohner in dem Apartment, die, ständig zugedröhnt, mehr Spaß bei Computerspielen zu haben scheinen als bei den Amateurpornos, die sie drehen. Bei einem Garagenverkauf erwirbt Jane eine Thermoskanne, in der sie ein Geldbündel findet – nicht weniger als 10?000 Dollar. Nach einem kleinen Einkaufsbummel für sich und ihr Schoßhündchen geht sie schließlich zurück zu der Verkäuferin. „Umtausch ausgeschlossen!“, faucht die alte Frau sie an und knallt ihr die Haustür vor der Nase zu. Doch Jane lässt nicht locker und drängt sich fortan in das Leben von Sadie, die mehr als sechzig Jahre älter ist als sie selber.
Die konträren Lebenswelten von Pornomesse und Senioren-Bingo bringt der Film mit dokumentarischer Nüchternheit zusammen. Dabei wird schnell deutlich, dass Jane, mit all ihren Hilfsangeboten an Sadie, die alte Frau mehr braucht als diese sie – als ein Mittel gegen die Vereinsamung und eine Verbindung zu der wirklichen Welt (was sich später als nicht so eindeutig herausstellt). Zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit entfaltet der Film seine Geschichte eher von den Rändern her, dazu passt auch sein Titel: „Starlet“ steht auf dem Halsband, das Jane für ihren Hund kauft, die Charakterisierung könnte aber auch für die beiden Hauptdarstellerinnen gelten. Sowohl Dree Hemingway (Tochter der Schauspielerin Mariel Hemingway und Urenkelin von Ernest Hemingway) als auch die 85-jährige Besedka Johnson stehen hier nämlich erstmals vor der Filmkamera.

Text: Frank Arnold

Foto: Rapid Eye Movies

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Starlet“ im Kino in Berlin

Starlet, USA 2012; Regie: Sean S. Baker; Darsteller: Dree Hemingway (Jane), Stella Maeve (Melissa), Besedka Johnson (Sadie); 103 Minuten; FSK 16

Kinostart: 9. Mai

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