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Filmfestspiele in Cannes

„Wenn ich einen Film in einem Satz zusammenfassen kann, dann ist er Scheiße!“ Michael Haneke ist kein Freund von komprimierten Inhaltsangaben, wie er der österreichischen Presseagentur APA erst kürzlich zu Protokoll gab. Hanekes unzusammenfassbarer Film „Das weiße Band„, gedreht unter anderem in der Prignitz, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen, feiert seine offizielle Weltpremiere in Cannes am 21. Mai. In den Hauptrollen sind u.a. Christian Friedel, Ulrich Tukur, Burghart Klaußner, Josef Bierbichler und Susanne Lothar zu sehen.

Zu Inhalten seiner Filme will der österreichische Regisseur („Funny Games„, „Cachй„, „Wolfzeit„) nichts sagen, aber die Berliner Filmfirma X-Filme Creative Pool, die den Film (ko)produziert hat, gibt sich zum Glück nicht ganz so verschlossen. „Ein Dorf im protestantischen Norden Deutschlands. 1913/14. Vorabend des Ersten Weltkriegs. Die Geschichte des vom Dorflehrer geleiteten Schul- und Kirchenchors. Seine kindlichen und jugendlichen Sänger und deren Familien: Gutsherr, Pfarrer, Gutsverwalter, Hebamme, Arzt, Bauern – ein Querschnitt eben. Seltsame Unfälle passieren und nehmen nach und nach den Charakter ritueller Bestrafungen an. Wer steckt dahinter?“ Sieben Zusammenfassungssätze, und das ist erst der Anfang. Die Erwartungen sind hoch.

Sehr viel unsubtilere Bestrafungsrituale (Skalpieren!) wird bekanntlich Quentin Tarantino über nazideutsche Soldaten in seinem Wettbewerbsfilm „Inglourious Basterds“ hereinbrechen lassen. Sein sehr freies Remake des fast gleichnamigen „Inglorious Bas­tards“-WKII-B-Pictures von Enzo G. Castellari aus dem Jahr 1978 erzählt von einer Gruppe jüdischer US-Soldaten, die sich unter der Führung von Brad Pitt zwischen den Fronten wiederfinden. Noch kurz vor Drehbeginn warnte Tarantino seinen Regiekollegen Castellari vor zu hohen Erwartungen: „Warte, bis du den Film siehst. Du sagst vielleicht, dass ich den Namen ruiniert habe“. Wir verbuchen das allerdings unter der Rubrik su­per­professionelles Understatement.

Einen weiteren heimlichen deutschen Beitrag hat Lars von Trier mit „Antichrist“ im Wettbewerb platziert. Die Filmstiftung NRW und der FFF haben 1.480.000 Euro gegeben, gedreht wurde der Horrorthriller zur Gänze im Bergischen Land. Schauplatz ist eine ausgerechnet Eden getaufte Waldhütte, in die sich ein Paar nach dem Tod seines Kindes zurückzieht. Statt Frieden finden sie jedoch den Teufel zwischen den Bäumen. Im offiziellen Cannes-Programm (Wettbewerb und „Un Certain Regard“) laufen in diesem Jahr 53 Langfilme, dazu kommen zwei hochkarätig besetzte, unabhängige Nebenreihen (Coppolas „Tetro“ eröffnet die Reihe „Quinzaine des Rйalisateurs„) und der Markt mit hunderten weiteren Filmen. Um die Palme konkurrieren u.a. Alain Resnais, Pedro Almodуvar, Jane Campion, Isabel Coixet, Ang Lee, Ken Loach, Lou Ye, Andrea Arnold und Johnnie To.

Während des Cannes-Festivals (13-24. Mai) twittert Rober Weixlbaumer auf www.tip-berlin.de tägliche Impressionen, Mikrokritiken und Bilder direkt von der Croisette (Twitter-Feed: tip_kino)

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