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„Stein der Geduld“ im Kino

Stein der Geduld

Eine Stadt am Fuße eines Gebirges in einem nicht näher benannten, vom Krieg zerrissenen muslimischen Land. In dem mit Vorhängen abgedunkelten Zimmer liegt ein älterer Mann im Koma. Eine Kugel hat den Kriegshelden im Nacken getroffen. Neben dem Bett sitzt seine wunderschöne, sehr viel jüngere Frau und spricht zu dem gelähmten Körper. Geduldig wartet sie auf eine Reaktion, die ihr zeigt, dass er sie hört. Aber der Mann, der reglos wie ein Stein auf seinem Bett liegt, bleibt stumm. So versucht sie, mit ihren langen Monologen auch gegen ihr eigenes Gefühl der Verlorenheit anzukämpfen, und langsam nehmen ihre Worte eine unerwartete Wendung.
Zum ersten Mal in ihrem Leben beginnt sie, über sich selbst zu reden, erzählt ihm von ihrer Kindheit, aber auch von ihren Enttäuschungen und ihrer jahrelangen Einsamkeit an seiner Seite. Sie lässt ihren Vorwürfen gegen ihn freien Lauf und enthüllt schließlich ihre innersten Geheimnisse, ihre Fantasien und ihr Verlangen vor dem stummen Körper, der wie ein „Synguй sabour“ vor ihr liegt, wie der berühmte Stein der persischen Mythologie, dem man all sein Unglück und seine Geheimnisse anvertrauen kann, bis er auseinanderbricht und den Klagenden entlastet. Die Worte werden zu einem Akt der Befreiung, in der die junge Frau letztendlich sich selbst, ihren Körper und ihre Sexualität entdeckt. Eine Freiheit, die ihr nicht mehr genommen werden kann.
Der afghanische, in Frankreich lebende Schriftsteller Atiq Rahimi hat seinen 2008 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman „Synguй sabour“ gemeinsam mit dem Drehbuchautor Jean-Claude Carriиre für die Leinwand adaptiert und auch selbst Regie geführt. Kein einfaches Unterfangen, denn der Roman, der eindringlich und poetisch zugleich das Leben in Afghanistan unter der Talibanherrschaft und deren systematische Unterdrückungsmaschine schildert, beruht ausschließlich auf dem inneren Monolog einer einzigen Person. Aber der großartigen iranischen Schauspielerin Golshifteh Farahani gelingt es, den Film mit einer unglaublichen Intensität auf ihren Schultern zu tragen. So ist Rahimi und seinem Kameramann Arbogast ein betörend schöner Film gelungen, dessen Perfektion fast schon zu glatt wirkt, um emotional zu berühren.

Text: Barbara Lorey

Foto: Rapid Eye Movies

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Stein der Geduld“ im Kino in Berlin

Stein der Geduld (Synguй Sabour), ?Frankreich/Deutschland 2012; Regie: Atiq Rahimi; Darsteller: Golshifteh Farahani (Frau), Hamid Djavadan (Mann), Hassina Burgan (Tante); ?103 Minuten; FSK 12

Kinostart: 10. Oktober

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