Kino & Stream

„Still Walking“ im Kino

Still Walking

Die Idee der Transzendenz ist dem kleinen Atsushi fremd. Warum soll man Briefe an ein totes Kaninchen schicken? Warum einen Grabstein mit Wasser kühlen, damit er sich am Ende eines heißen Tages erholt? Und wie kann es sein, dass ein Verstorbener als Schmetterling zurückkehrt? Am Schluss des Wochenendes, von dem Hirokazu Kore-eda erzählt, wird Atsushi gewiss nicht die Antwort auf diese Fragen erhalten, aber er wird ungeheuer viel über Lebensentwürfe und die Hinterlassenschaft der Toten erfahren. Kore-eda, diesem Meister der Verdichtung, genügen 24 Stunden, um Aus- und Rückblicke auf eine Vielzahl von Leben zu werfen und dabei deren Wesen auf die Spur zu kommen.
Im Zentrum seines nur an der Oberfläche beschaulichen Films steht ein schmerzliches Ritual. Wie in jedem der letzten 15 Jahre trifft sich die Familie Yokoyama im Gedenken an den ältesten Sohn, der verunglückte, als er einen Jungen vor dem Ertrinken rettete. Als ein perfider Akt der Buße ist auch der Gerettete eingeladen, dessen verschwitzte Korpulenz die Familie als Indiz seiner Unwürdigkeit nimmt. Auch die überlebenden Geschwister werden von den Eltern mit mal brüsker, mal beiläufiger Verächtlichkeit an ihr Ungenügen erinnert. Aber das Ungesagte, das Uneingelöste lastet noch unendlich schwerer auf der Familie.
Mit fast heiterer Gelassenheit schildert Kore-eda dieses Ritual. Warum nur besitzen japanische Künstler diese besondere Gabe für tröstliche Wehmut? Wie im Werk von Mikio Naruse und Yasujiro Ozu herrscht in Kore-edas Film ein tiefes, unsentimentales Einverständnis mit dem Lauf der Dinge. In jeder Einstellung sind Schmerz und Harmonie geborgen. Ihre sanfte Konzentration verleiht dem Abwesenden eine bestrickende Präsenz. Unmerklich bricht während der Mahlzeiten und Spaziergänge der Familie die Erstarrung auf. Die Versöhnung der Generationen ist nicht versprochen. Aber ein Gleichklang der Seelen ist zu erahnen. Atsushi jedenfalls vertraut der nächtlichen Stille einmal seine Zuversicht ins Leben an: Er möchte Klavierstimmer werden, wie sein verstorbener Vater. In seinem kleinen Gebet tritt er ein Vermächtnis an. Die Männer in der Familie Yokoyama haben allesamt Berufe ergriffen, die mit Heilen und Wiederherstellen zu tun haben.

Text: Gerhard Midding

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Still Walking“ im Kino in Berlin

Still Walking (Aruitemo, aruitemo), Japan 2008; Regie: Hirokazu Kore-eda; Darsteller: Hiroshi Abe (Ryo), Yui Natsukawa (Yukari), Kazuya Takahasi (Nobuo); 114 Minuten; FSK: k.A.

Kinostart: 18. November

Mehr über Cookies erfahren