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„Stille Seelen“ und „Im Nebel“ im Kino

FilmKinoText„In den nördlichen Gebieten hält sich die Erinnerung immer länger“, sagt der Erzähler in „Stille Seelen“ (Foto, oben), und die beiden preisgekrönten Filme aus Russland, die jetzt zeitgleich ins Kino kommen, scheinen ihr Thema in der Tat durch eine derartige Gedächtnistiefe zu bestimmen, in der sich Schichten um Schichten übereinanderlegen, bis die Archetypen sichtbar werden. Die große Liebe. Das gute Leben. Das rechte Sterben. Dann die tiefe Ruhe, die man die letzte nennt. Aleksei Fedorchenkos melancholisches Roadmovie „Stille Seelen“ begleitet Miron und Aist, die – zusammen mit einem munteren Spatzenpaar im Vogelkäfig – Mirons geliebter Frau

Tanya das letzte Geleit geben. Nach den Ritualen des längst vergessenen finnougrischen Volksstammes der Merja, dem sie angehörte, muss ihr Körper am Ufer eines Flusses verbrannt und die Asche ins Wasser gestreut werden. Während ihrer gemeinsamen Autofahrt durch die unspektakuläre, in ihrer Weite aber doch monumentale russische Landschaft vollziehen die beiden Männer den anderen wichtigen Teil des Rituals: Sie sprechen über die viel jüngere Frau, feiern ihren Körper und seine erotische Lebendigkeit. Der bewusst undramatische Gestus und die warme Erzählstimme von Aist, der sich während der Niederschrift der Reise an den eigenen Vater erinnert, vermitteln einen seltsamen Eindruck von Aufrichtigkeit. Der Film ist ein Plädoyer für sinnlichen Materialismus, und auch die fast vergessene Überlieferung wie die Kauzigkeiten der Geschichte verweigern sich standhaft einer Zweitverwertung als rhetorische Figur.

NeueVisionenFilmverleihUm das Bestatten eines Toten geht es auch in Sergei Loznitsas „Im Nebel“, doch hier soll offensichtlich Größeres verhandelt werden. Als die beiden Bewaffneten an die Tür seines einsamen Hauses klopfen, irgendwo an der Westgrenze der UdSSR, die 1942 in deutscher Hand ist, weiß Sushenya, was ihn erwartet. Mitkommen soll er, sagen die Partisanen, von denen einer sein alter Freund Burov ist, mitkommen, denn er hat die Haft der Deutschen überlebt, wurde freigelassen, als alle anderen erschossen wurden, und muss also ein Verräter sein. Eine subtilere Logik als die der Rache kann man sich in Kriegszeiten nicht leisten, und er fügt sich und marschiert los, den Spaten in der Hand, an dessen Mitnahme er selbst noch vorsorglich erinnert hat. Doch Sekunden vor der Exekution wird Burov durch eine Kugel aus dem Hinterhalt schwer verwundet, und der zweite Kämpfer will nur noch auf und davon.

Sushenya hingegen versucht, seinen Beinahe-Henker zu retten oder zumindest zu begraben. Also nimmt er ihn auf den Rücken, schleppt die Last des anderen mit sich herum, und der Eindruck, dass sie ziellos im Kreis laufen, passt gut zu der resignierten Entschlossenheit dieses modernen Wiedergängers der Antigone. Der reduzierte Realismus der graubraungrünen Eintönigkeit von Kiefernwäldern, Mooren und Uniformen wird zur Parabel überhöht, denn der titelgebende Nebel führt nicht nur am Ende zu einer Wendung der Geschichte, sondern beschreibt eben auch das moralische Vakuum in Zeiten des Krieges. Der Film lässt in seinem spröden Pathos keinen Zweifel daran, eine Heldengeschichte zu erzählen. Die Heiterkeit der Spatzen hat da keinen Platz.

Text: Stella Donata Haag

Foto: Film Kino Text (oben), Neue Visionen Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert 2

Orte und Zeiten: „Stille Seelen“ und „Im Nebel“ im Kino in Berlin

Ovsyanki (Stille Seelen) Russland 2010; Regie: Aleksei Fedorchenko; Darsteller: Yuliya Aug (Tanya), Yuriy Tsurilo (Miron), Igor Sergeyev (Aist); 77 Minuten; FSK 12; Kinostart: 15. November

V tumane (Im Nebel)
Deutschland/Lettland/Niederlande/Russland/Weißrussland 2012; Regie: Sergei Loznitsa; Darsteller: Vladimir Svirskiy (Sushenya), Wladislaw Abaschin (Burov), Sergei Kolesow (Woitik); 127 Minuten; FSK k.?A.; Kinostart: 15. November

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