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Stiller Gigant: Frank Giering

Frank GieringDie Giering-Schau im Babylon präsentiert als Abschluss auch noch ein echtes Fundstück. Aelrun Goettes „Keine Angst“, ein Fernsehfilm aus dem Jahr 2009, enthält eine Rolle für Frank Giering, in der sich seine guten und seine bösen Geister treffen: Er spielt einen Säufer in einer Problemsiedlung in Köln, in der trotz aller sozialen Spannungen auch noch etwas von einem Gemeinschaftsgeist spürbar ist, den er aus Magdeburg nicht vergessen wollte.

Eine Retrospektive dieser Art zeigt aber eigentlich nur den einen Frank Giering, den sensiblen Darsteller mit einem Ausdruckspotenzial, das von namenloser Brutalität bis zu einem romantischen Kult der Freundschaft reichen konnte. Der andere Frank Giering ist immer wieder im Fernsehen oder in kleineren Auftritten in zahlreichen Kinofilmen zu sehen. Zuletzt spielte er an der Seite von Christian Berkel in der ZDF-Serie „Der Kriminalist“, es konnte niemand entgehen, dass er in dieser Zeit so stark an Gewicht verlor, dass dahinter ein gesundheitliches Problem zu befürchten war.

Er hat es auf rund 70 Rollen in knapp 17 Jahren gebracht, und auch für diese Rastlosigkeit bekommt man fast durchweg das gleiche Motiv zu hören: Giering versuchte auf diese Weise einer Schwermut zu entkommen, mit der viele Schauspieler ihre Erfahrungen haben, und die für ihn eine besondere Gefährdung darstellte. In einer frühen Begründung für den Wunsch, Schauspieler zu werden, ist das schon zu vernehmen, denn damals sprach er davon, dass er sich ein Leben ausmalte, in dem er abends auf der Bühne stehen würde und den Tag verschlafen könnte. Der Tag gehört den Lebenstüchtigen, die Nacht gehört denen, die sich vom Leben davonstehlen in die imaginären Universen der Kunst und der Phantasie.
Frank Giering

Es ist sicher kein Zufall, dass eine seiner größten Rollen für den Film auch mit diesem Motiv spielt: In „Die Nacht spielt ihre Lieder“ (2004) von Romuald Karmakar war Giering der namenlose „junge Mann“, der ein wenig wehrlos den zunehmend bitter werdenden Ansprüchen seiner Partnerin ausgesetzt ist. Was auf der Ebene der filmischen Erzählung wie eine typische Paarstudie aussieht, wurde durch die Besetzung auch zu einem interessanten Experiment in Sachen Schauspiel: Die „junge Frau“ wurde von Anne Ratte-Polle gespielt, die ein Star in der Theaterwelt ist und von dort auch eine sehr präzise Ausdruckskraft mitbrachte, die ihrer Figur genau jene schneidende Unbedingtheit verlieh, der Giering eine tastende Identitätssuche entgegenstellen konnte. Er war in diesem Sinn ein genuiner Filmschauspieler, der Figuren nicht so konsequent verkörpern musste, wie das auf der Bühne unumgänglich ist. Er konnte zwischen sich und der Interpretation einen Spalt lassen, den die Kamera dann wieder schloss. Bei großen Hollywood-Stars wie dem jungen Warren Beatty oder bei Joaquin Phoenix kann man das sehen, im deutschen Kino ist das eine rare Qualität, die mit dem frühen Tod von Frank Giering wieder ein Stück kostbarer geworden ist.

Es gibt einige Momente, mit denen man ihn in Erinnerung behalten könnte, ein möglicher ist der Auftakt zu „Absolute Beginners“ von Sebastian Schipper. Drei junge Männer in einem frisierten Auto, einer sitzt auf der Rückbank und quasselt, der zweite sitzt am Steuer und tritt das Gaspedal durch, der dritte heißt Floyd und ist derjenige, der diese kleine Gruppe fast wortlos zusammenhält. Er genießt die Geschwindigkeit, und als es immer schneller wird, setzt er sich auf die Fensterkante der Beifahrertür und hält seinen Oberkörper hi­naus ins Freie. Der Wind fährt ihm über das Gesicht, er spürt die gefährliche Freiheit. Und dann explodiert der Motor.

Text: Bert Rebhandl

Foto oben: Frank Giering in „Die Nacht singt ihre Lieder“ (c) Prokino Filmverleih

Foto unten: Gordon A. Timpen (ZDF)

Lesen Sie hier: Ein Interview mit Sebastian Schipper zum Tod von Frank Giering

Lesen Sie hier: Frank Giering-Retrospektive im Babylon-Mitte

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