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Stiller Gigant: Frank Giering

Frank Giering

Wenn man mit dem Zug von Berlin nach Magdeburg fährt, dann kann man auch schon eine Station vor dem Hauptbahnhof aussteigen. Die Haltestelle heißt Neustadt, sie liegt fast idyllisch in einem Grünbereich, erst weiter nach Westen beginnen die großen Einkaufszentren und Büroneubauten, die deutlich mit der neuesten Stadtgeschichte nach dem Ende der DDR zusammenhängen. Wenn man sich dagegen nach Osten wendet, kommt man entlang stiller Straßen, an denen viele Gebäude leerstehen, hinaus auf das Neustädter Feld, das sich zwischen Industriehafen und Eisenbahngeleisen erstreckt, das aber die dahinter liegenden Auen schon spüren lässt. Hier hatte die DDR eines ihrer großen Wohnprojekte angesiedelt, heute fügen sich die Bauten relativ diskret in die Landschaft.

Frank GieringIn dieser Gegend wuchs Frank Giering auf, der später nach Berlin ging und Schauspieler und Film- und Fernsehstar wurde und vor wenigen Wochen im Alter von nur 38 Jahren starb. Über das Neustädter Feld hat er immer wieder gesprochen, und einmal hat er sogar einen ganz ausdrücklichen Wunsch damit verbunden: „Das Größte, was ich mir vorstellen konnte, war, dass ich vielleicht mal in einem DEFA-Film mitmachen darf. Dass alle Leute vom Neustädter Feld in Magdeburg, wo ich herkomme, sagen: Wir haben dich gesehen.“ Man kann mit Fug und Recht sagen, dass das DEFA-Erbe im deutschen Kino der Gegenwart nicht eben intensiv gepflegt wird, dabei verbinden sich damit in den besseren Fällen auch noch andere Eigenschaften als Linientreue und kommunistische Indoktrination – ein anderer Rhythmus, eine gewisse Sanftheit, eine Suche nach Freiräumen, die dann nicht sofort für die freie Marktwirtschaft genutzt werden.

Frank Giering wurde gerade 18, als die Mauer fiel, die neue Freiheit fiel also mit seinem Erwachsenwerden zusammen. Er wurde aber nicht erwachsen, sondern er wurde Schauspieler. Schon die Schule wollte er nicht fertig machen, weder in Potsdam an der HFF, wo er noch in der DDR begonnen hatte, noch in Bochum, wo er 1991 auch wieder das Weite suchte. Wenn man heute mit Menschen spricht, die ihn gekannt und mit ihm gearbeitet haben, so hört man häufig, dass er die Kamera gesucht habe wie einen Bereich, in dem er sich in Sicherheit fühlen konnte (siehe Interview mit Sebastian Schipper).
Frank GieringEr war wohl das Gegenteil eines „Method Actors“, er suchte nicht in den Tiefen des eigenen Selbst nach dem Schlüssel zu seinen Rollen, er fand in den Rollen eine Entlastung von sich selbst, von einer Lebensangst, von der er immer wieder sprach. Auch wenn die näheren Umstände seines Todes der Diskretion unterliegen, so geht man doch nicht zu weit, wenn man sagt, dass er an dieser Lebensangst auch gestorben ist. Er hinterlässt ein umfangreiches Werk mit einigen Höhepunkten, von denen das Babylon-Kino in Mitte im Juli eine Auswahl zeigt, und wir sind nun darauf angewiesen, den Menschen Frank Giering in diesen Rollen zu suchen: in dem nihilistischen Gewalttäter in Michael Hanekes „Funny Games“, in dem Träumer Floyd in Sebastian Schippers „Absolute Giganten“, in dem Terroristenmacho in Christopher Roths „Baader“, in dem Stubenhocker in Romuald Karmakars „Die Nacht singt ihre Lieder“, in dem Bruder in Hans Steinbichlers „Hierankl“. Die Rolle des „Baader“ muss im Rückblick als besonders signifikant in jeder Hinsicht gelten, denn Giering spielte den ersten Anführer der RAF gegen die geläufigen Images: Er war ein Draufgänger mit Vorbehalt, er legte in einem von Posen nicht freien Film in seiner Darstellung eine Motivarmut frei, die eine viel subtilere Kritik am Linksterrorismus darstellt als das plakative Protzertum, das Moritz Bleibtreu später in „Der Baader-Meinhof-Komplex“ zur RAF-Folklore machte.

Szenenfoto oben: „Freigesprochen“ (6.8., 21 Uhr im Babylon)

Szenenfoto „Baader“ (mitte): Prokino Filmverleih

Szenenfoto „Hierankl“ (unten): Movienet Film

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