Kino & Stream

„Stoker – Die Unschuld endet“ im Kino

Stoker - Die Unschuld endet

Wie schon in Tim Burtons erfolgreichem Remake von „Alice im Wunderland“ dürfen wir auch in „Stoker“ der schönen Schauspielerin Mia Wasikowska beim Erwachsenwerden zuschauen. Doch die scheue Außenseiterin India Stoker findet sich nicht in einer quietschbunten Wunderwelt aus digitalen 3-D-Animationen wieder, sondern in der von fahlen Farben dominierten Realität ihres britischen Elternhauses. Der ohnehin schon morbid veranlagten Einzelgängerin drückt die Trauer um den kürzlich bei einem Autounfall ums Leben gekommenen Vater aufs Gemüt. Bei der Beerdigung taucht unangekündigt ihr bislang unbekannter, aber überaus charmanter Onkel Charlie (Matthew Goode) auf und beginnt, ihre instabile und dünnhäutige Mutter Evelyn (Nicole Kidman) zu umgarnen. Auch India fühlt sich bald von dem mysteriösen Onkel mit seiner Aura düsterer Geheimnisse angezogen und verliert sich schließlich in verstörenden, erotischen Gewaltfantasien. Das ist sicher ein Sujet, in dem sich auch Burton zu Hause gefühlt hätte. Doch dem koreanischen Regisseur Park Chan-wook („Oldboy“, „Lady Vengeance“) geht es nicht nur ums Erwachsen­werden, sondern auch um den Verlust der Unschuld. Park und sein Kameramann Chung Chung-hoon finden in ihrem Hollywood-Debüt unterkühlt poetische Bilder für die morbide Gefühlswelt ihrer jungen Protagonistin. Da lässt India die Spinne auf ihrem Knie einfach unter ihren Rock krabbeln, da schimmern blaue Adern durch Evelyns blasse Haut. Die jungfräuliche Mia Wasikowska und die ätherische Nicole Kidman wandeln wie fragile Porzellanpuppen durch diesen eigentlich zu grell ausgeleuchteten Gothic-Horror-Film, über dem der Song „Summer Wine“ von Nancy Sinatra und Lee Hazlewood schwebt. Park und Chung setzen mit „Stoker“ inhaltlich da an, wo sie mit ihrem letzten Werk, dem modernen blutigen Vampirdrama „Thirst/Durst“ (2009) stehen geblieben waren. Nur verzichten sie diesmal auf die üblichen, destruktiv exploitativen Gewaltdarstellungen. „Stoker“ ist vielmehr eine sinnliche Liebeserklärung an die Zerbrechlichkeit des Menschen und Vergänglichkeit des Lebens. Er wirkt wie ein etwas zu rüder Tim-Burton-Film für Erwachsene.

Text: Jörg Buttgereit

Foto: 2012 Twentieth Century Fox

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Stoker – Die Unschuld endet“ im Kino in Berlin

Stoker – Die Unschuld endet (Stoker), USA 2013; Regie: Park Chan-wook; Darsteller: Mia Wasikowska (India Stoker), Nicole Kidman (Evelyn Stoker), Matthew Goode (Charlie Stoker); 99 Minuten; FSK 16

Kinostart: 9. Mai

Mehr über Cookies erfahren