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„Stories We Tell“ im Kino

Stories We Tell

Familien haben ihre internen Rituale, Schrulligkeiten und Mythen: verborgene Ordnungselemente, die jedes Mitglied der Sippe auf eigene Weise prägen. Der komplexen inneren Chemie zwischen Eltern, Paaren, Kindern und Geschwistern geht Schauspielerin und Regisseurin Sarah Polley in ihrem ersten Dokumentarfilm nach. Der Gegenstand ihrer Recherche könnte persönlicher nicht sein: Sie nähert sich der Persönlichkeit ihrer Mutter an, die 1990 an Krebs starb, als Polley erst elf Jahre war. Der schillernde Charakter der freigeistigen Diane, die ebenfalls Schauspielerin war, erweist sich als schwer fassbar; das ergeben Interviews mit Familie und nahen Freunden. Ungeklärtes tritt zu Tage, darunter die Frage nach dem Wahrheitskern einer familieninternen Frotzelei: dass nämlich Sarah ihrem Vater Michael so gar nicht ähnlich sähe.
Nachdem Polley anfangs ein Porträt ihrer Mutter rekonstruiert hat und dafür Erinnerungsschnipsel mit authentischen sowie im Retrostil nachgedrehten Super-8-Filmszenen montiert, folgt eine spannende Fährtensuche. Mutig macht sich die Filmemacherin daran, die heikle Frage nach ihrem biologischen Vater aufzuklären – mit ungewissem Ausgang. Mutmaßungen ihrer Geschwister sowie von Dianes alten Schauspielerfreunden führen schließlich in Montreals Theaterszene, wo die Mutter einst getrennt von der Familie eine intensive Gastspielzeit verlebte.
Je weiter die Suche führt, umso mehr treten sensible Bruchstellen der Familiengeschichte und ihrer „Wahrheit“ ans Licht. Mit dem Auftauchen einer neuen männlichen Figur kommt ein bislang verborgenes zentrales Element ins Spiel. Als gleichermaßen analytische Beobachterin wie emotional involvierte Protagonistin nimmt die Filmemacherin eine faszinierende Position ein. Ihr Bewusstsein um die eigene unklare Rolle, die damit verbundene Verwundbarkeit und die Auswirkungen auf die anderen führt zu einem fein gezeichneten Porträt einer Familie, die um ihre Leerstellen weiß. Das Drehen des Films selbst wird zum offenen und klärenden Prozess, der alle Beteiligten wie eine leise Druckwelle erfasst. Am Ende laufen die Stränge scheinbar zusammen: zu einer widersprüchlichen, doch innigen Erzählung.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Fugu Filmverleih

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Stories We Tell“ im Kino in Berlin

Stories We Tell, ?Kanada 2012; Regie: Sarah Polley; Darsteller: Rebecca Jenkins (Diane ?Polley), Peter Evans (Michael Polley), Alex Hatz (Harry Gulkin); ?108 Minuten; FSK k. A.

Kinostart: 27. März

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